Michaela Merz

Die Geschichte von Livia

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Livia war schon immer fest davon überzeugt, dass diese Welt dazu da ist, ihr zu dienen und sie in ihrer Einmaligkeit zu huldigen. Leider war es meistens nur ihre Sichtweise. Darum musste Livia Strategien entwickeln, um den erwünschten Effekt zu erreichen, was gar nicht einfach war.

Livia wuchs in einem kleinen idyllischen Kaff auf. Wunderschön abgelegen. Rund um sie gab es bescheidene, zufriedene Leute. Livia aber wollte mehr. Sie wollte die grosse Welt, wo Glanz und Luxus wichtig waren. Sobald sie konnte, packte sie ihre Sachen und verliess das enge Korsett des Dorflebens.

Sie suchte eine Stelle bei einer wohlhabenden Familie in der Hoffnung, dass der Herr des Hauses Gefallen an ihr fände und seine Frau gegen sie austauschen würde. Schon das war ziemlich schwierig umzusetzen, weil sie keine Sprachkenntnisse ausser ihre Muttersprache hatte und die Hausarbeiten inklusive Kochen ihr keinen Spass machten. Entsprechend sah auch das Resultat aus.

Schlussendlich ist es ihr gelungen im Ausland bei einer Familie aus ihrer Heimat eine Stelle als Au-pair zu finden. Nur leider war diese Familie überhaupt nicht wohlhabend, sondern ziemlich knapp bei Kasse. Für Livia war es im Vergleich zu ihrem Dorf Luxus, aber sie merkte bald, dass die Familie, in der sie arbeitete den lokalen Verhältnissen entsprechend, zum tiefen Mittelstand gehörte. Erbärmlich, dachte sich Livia und verspürte keine Lust den Ehemann der Ehefrau auszuspannen. Es brauchte eine andere Strategie. Livia lernte fleissig die lokale Sprache, aber der erhoffte Millionär war weder in der Sprachschule noch in den Bars, die sie sich leisten konnte, anzutreffen. Sie musste noch einmal ihre Strategie anpassen und da sie genug hatte von den fremden “Goofen”, musste einfach nur ein guter Sponsor her.

Sie fand ihn in ihrem Landsmann, der mit seinen Eltern schon als Kind eingewandert war und dabei war eine erfolgreiche Karriere aufzubauen. Livia verliess die Familie und quartierte sich bei ihm ein. Und um sicher zu sein, dass alles so klappt, wie sie sich es vorstellte, wurde sie bald schwanger. Es wurde geheiratet. Livia war zufrieden und lachte über ihre Schwester, die im Dorf blieb und aus Liebe einen Holzfäller geheiratet hatte. “Keine Perspektive”, dachte Livia und schaute auf die eigene Schwester herab.

Nur allzu bald zeigte sich, dass es gar nicht so lustig war, eine Ehefrau mit einem Baby zu sein. Der Mann, der Karriere macht aber noch eher wenig Geld hat, dauerhaft abwesend ist auf Geschäftsreisen oder Fortbildungen. Luxuriös war dies nicht und die Streitigkeiten zuhause mehrten sich.

Livia dachte, da muss sie raus und begann noch einmal zu suchen. Es dauerte nicht lange und sie fand ihn. Er wollte sie auch mit dem fremden Kind, war um einiges älter und ziemlich vermögend. Aber sie musste noch zwei Jahre durchhalten, um die dauerhafte Aufenthaltsbewilligung zu bekommen.

Livia plante akribisch jeden Schritt. Sie hörte auf bösartig zu ihm zu sein, machte sich aber gleichzeitig eine Liste der Dinge, die sie vorbereiten musste. Nach zwei Jahren war es dann soweit und als ihr Mann beruflich nach China musste, räumte sie alle Konten, packte alle Wertsachen und meldete die bezahlten Zeitschriftenabos ihre neue Adresse um. Dann zog sie weg und beantragte die Scheidung.

Die Scheidung war eine Schlacht und Livia erreichte das Maximum. Er zahlte für das Kind, er zahlte für sie. Ihm blieb weniger übrig.

Aber nein, auch jetzt war Livia nicht zufrieden. Den zufrieden zu sein, dieses Gefühl kannte sie nicht. Es gab immer jemanden, der mehr Geld hatte als sie, immer jemanden, der ein scheinbar besseres Leben lebte als sie.

Bildquelle: Jörg Blanke  / pixelio.de

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