Michaela Merz


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Tiny Switzerland and its 26 cantons


Switzerland is tiny. If you want to travel from oneborder to the most distant other border, half a day is enough and so is good.At the same time tiny Switzerland is divided into 26 cantons and they aresovereign in many matters.  It ispossible that, if you have 2 children, who go to schools in different places,possibly in another canton, only seldom do they have holidays at the same time.Moving from one canton to another is like emigrating abroad.

The registration number on your car is changed and itcan be seen in which canton you live. The longer you live somewhere, the lowerthe registration number. This gives a clear distinction between the locals andthe newcomers. Swiss drivers are not particularly considerate and patient andtherefore in large cities like Zürich it’s not long before someone, who doesnot have a Zürich registration and only one second after it has turned green atthe traffic lights has not started, is hooted at as a disturbance. Seldom doesthat speed things up but perhaps it helps the stressed driver partly to relievehis or her aggression. 

Last year I moved from one canton to another. I paidthe vehicle tax for 2019 – and that‘s quite a sum – at my old place ofresidence. After changing the registration, I had to pay the vehicle tax for2019 again. A week later, at home I received a cheque for almost the sameamount that I had paid in my new canton – but after deduction of administrativecosts. The money to be collected from the post office. As my nearest postoffice, which has only short and customer unfriendly opening hours, is close towhere I work, which is in my former canton of residence, I went to collect themoney. After I had waited for 5 minutes, I was informed that the money could becollected from a post office in my canton of residence. HELP I wanted to shout.Apart from that the cheque is valid for only one month. I looked in theInternet and on Saturday afternoon I went to the post office close to thestation in my place of residence. Only to discover that it is not open and ofcourse the letter boxes cannot cash a cheque for me. There was no time to go tothe next post office, because it was already 4.00 pm.

This week I’m working in New York and unfortunatelythere too I cannot cash the cheque. So I’m getting dangerously close to thecheque’s maturity date. God knows how I’m going to get my money.    


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Die kleine Schweiz und ihre 26 Kantone


Die Schweiz ist klein. Wenn man von einer Grenze zu der entferntesten anderen Grenze fahren will, reicht ein halber Tag und das ist gut so. Gleichzeitig ist die kleine Schweiz in 26 Kantone aufgeteilt und die haben die Hoheit über viele Bereiche. So ist es möglich, dass wenn man 2 Kinder hat, die an verschiedenen Orten in die Schule gehen und womöglich über die Kantonsgrenze hinaus, sie nur selten gleichzeitig Ferien haben. Ein Umzug aus einem Kanton in einen anderen Kanton gleicht einem Wegzug ins Ausland.

Das Nummernschild am Auto wird umgetauscht und es wird ersichtlich, in welchem Kanton man wohnt. Je länger man irgendwo wohnt, desto tiefer ist die Autonummer. So geschieht eine klare Kennzeichnung der Alteingesessenen und der Zuzüger. Die Schweizer Autofahrer sind nicht besonders rücksichtsvolle und geduldige Fahrer und so geschieht es in grossen Städten wie Zürich sehr schnell, dass jemand der kein Zürcher Nummernschild hat, nur eine Sekunde nach dem das grüne Licht an einer Kreuzung geleuchtet hat und er oder sie noch nicht weggefahren ist, angehupt wird als störender Faktor. Das trägt selten zur Beschleunigung bei aber vielleicht hilft es dem gestressten Fahrer, seine oder ihre Aggression teilweise abzubauen.

Ich bin letztes Jahr aus einem Kanton in einen anderen Kanton umgezogen. Die Autosteuer für das Jahr 2019 – und die ist happig – habe ich noch am alten Wohnort bezahlt. Als ich dann das Schild gewechselt habe, musste ich die Autosteuer für das Jahr 2019 noch mal bezahlen. Eine Woche später traf bei mir zu Hause ein Check ein mit fast dem identischen Betrag, den ich im neuen Kanton bezahlt habe – jedoch nach Abzug der administrative Kosten. Das Geld ist abzuholen bei der Post. Da meine nächste Post, die sehr kurze und kundenunfreundliche Öffnungszeiten hat, in der Nähe meines Arbeitsortes ist, der sich immer noch in meinem vormaligen Wohnkanton befindet, bin ich gegangen, um das Geld zu holen. Nach 5 Minuten warten wurde mir mitgeteilt, dass das Geld nur im Kanton meines Wohnortes bei der Post abgeholt werden kann.

HILFE wollte ich schreien. Dazu kommt, dass der Check nur einen Monat Gültigkeit hat. Ich habe im Internet nachgeschaut und bin am Samstag Nachmittag in meinem Wohnort in der Nähe des Bahnhofs zur Post. Ich musste feststellen, dass diese nicht bedient ist und die Postboxen mir natürlich keinen Check auszahlen können. Zur weiteren Poststelle hat es nicht mehr gereicht, da schon 16 Uhr war.

Diese Woche arbeite ich in New York und da kann man den Check leider auch nicht einlösen. So nähere ich mich gefährlich dem Verfallsdatum des Checks. Gott weiss, wie ich dann zu meinem Geld komme.


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Geschäftstüchtigkeit


Ich kam in Frankfurt an. Wie so oft, bestellte ich via Uber meine Mitfahrgelegenheit. Sie war da, noch bevor ich den Standort erreichen konnte. Mein Ziel war weit vom Flughafen entfernt. Dementsprechend war die Reise teuer. Bei Uber habe ich beobachtet, dass die Reise vom Flughafen zum Ziel um ein Drittel bis die Hälfte billiger ist als die identische Distanz zurück zum Flughafen. Dies unabhängig von der Tageszeit. Meine Hauptsorge galt allerdings der Rückreise. Ich wusste, dass ich in der Verkehrsspitze reisen würde und das quer durch die ganze Stadt.


Ich fragte darum den Fahrer, wieviel Zeit ich am späten Nachmittag einrechnen müsste, um um 18 Uhr am Flughafen zu sein. Zu meiner Überraschung sagte er, dass es keinen Unterschied ausmache. Na dann. Problem gelöst. Er bot mir an, mich abzuholen. Ich fand es ein gutes Angebot. Schliesslich kannte ich so den Preis im Voraus und es war mir auch bewusst, dass er das Geld dann ohne die Vermittlungsgebühren von Uber verdienen wird. Das war auch in Ordnung.

Bei solchen Angeboten bin ich aber skeptisch. Wer weiss, ob er tatsächlich kommt. Aber um fünf Uhr am Nachmittag nach allen meinen Besprechungen, war er pünktlich an der abgemachten Stelle und wartete auf mich. Ich fragte ihn nach einem Preis, um jegliche negative Überraschung am Flughafen zu vermeiden. Ich staunte nicht schlecht, als der Preis noch um einiges tiefer war, als der Preis des Morgens. Da sass ich aber schon in dem Fahrzeug und fuhr zum Flughafen.

Ich fragte ihn, wie der Preis zustande kam und er erklärte mir, dass er keine Abgabe an Uber bezahlen müsse und auch keine anderen Steuern. Das machte mich stutzig. Zu einer Steuerhinterziehung wollte ich nicht beitragen, aber ich realisierte, dass meine Machthabe sehr limitiert ist. Ich versuchte mich damit zu beruhigen, dass er das Einkommen vielleicht doch noch in seiner Steuererklärung deklarieren wird, aber es funktionierte nur paar Sekunden. Mir war klar, dass die Wahrscheinlichkeit bei dem, was er sagte, sehr geringfügig war. Am Flughafen fragte ich nach einer Quittung, aber er hatte keine und wollte mir keine geben. Dafür ist der Preis noch um 5 Euro gesunken. Ich zahlte in bar und verliess das Uber mit einem unguten Gefühl. Dass er so für sich mehr verdient als bei Uber war für mich ok. Schlussendlich verdiente Uber auch nicht schlecht auf meiner ersten Fahrt.

Der Betrug am Staat brachte mich jedoch zum Nachdenken, da ich keine Idee hatte, wie ich ihn hätte verhindern können. Ich bin der Meinung, dass der Staat die Steuern, die ihm zustehen, bekommen muss, um seine Aufgabe erfüllen zu können. Ich bin mir jedoch unsicher, wie ich nächstes Mal bei so einem Taxi Angebot reagieren würde.

Nehme ich es? Werde ich es abweisen? Was hättet ihr gemacht?


Thommy Weiss / pixelio.de


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Business sense


I arrived in Frankfurt. As I so often do, I booked my taxi via Uber. It was there, before I could reach the location. My destination was far away from the airport. The trip was correspondingly expensive. With Uber I have noticed that the trip from the airport to the destination is a third to a half cheaper than the identical distance back to the airport. Regardless of the time of day. However my main concern was the return trip.


I knew that I would be travelling at the peak traffic hour and that right through the centre of the city. Therefore I asked my driver how much time I should reckon with in the late afternoon to be at the airport by 6.00 p.m. To my great surprise he said it didn’t make any difference. So, problem solved. He offered to pick me up. I thought that was a good offer. After all I knew the price in advance and I was aware that he would earn his money without the Uber service charge. That was also OK. But when I receive such offers, I am sceptical. Who knows whether he will really come. But at 5.00 p.m. after all my meetings, he arrived punctually at the agreed meeting place and was waiting for me. I asked him the price in order to avoid any negative surprise at the airport. I was greatly surprised when the price was much less than I had paid in the morning. But then I was sitting in the car and was on the way to the airport.

I asked him how he came to the price and he explained to me that he didn’t have to pay a charge to Uber and also any other taxes. That made me suspicious. I didn’t want to be any part in tax evasion, but I realised that my power is very limited. I tried to reassure myself with the fact that perhaps he will declare the income in his tax return, but that worked only for a few seconds. It was clear to me that, given what he had said, that was very unlikely. At the airport I asked for a receipt, but he didn’t have any and didn’t want to give me one. The price fell by another 5 Euros. I paid cash and left the Uber with an uncomfortable feeling. That in this way he earned more for himself than with Uber, was OK for me. After all, Uber had earned well on my first trip.

But defrauding the state made me think, as I had no idea how I could have prevented him. I believe that the state must receive the taxes which are due to it in order to fulfil its obligations. But I am not sure how I would react another time to such a taxi offer. Do I accept? Shall I refuse? What would you have done?

Thommy Weiss / pixelio.de


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Excess


During my childhood for the price of one you got exactly one. Family packs didn’t yet exist, 3 for 2 also didn’t and buffet or “All included” were for me as a child unknown phenomena. The first time I heard of “All you can eat” was in the dancing class during puberty and the intention was not really that one should fill one’s belly but that one learned good manners. That went pretty wrong.

Imagine a horde of young adolescent men still growing. Dressed in black suits with bow-ties, confronted by buffet tables full of sandwiches and all for free. We stood there and the dancing instructor gave a lecture on how to behave properly in such a situation. No pushing, no stuffing everything in one’s mouth, letting the ladies go first, eating slowly, etc. What followed was like something out of the Hunger Games and the dancing instructor had no chance of stopping the young men. His cries into the microphone – “Don’t shove, don’t fight”, rang through the dance hall but had no effect. Within seconds the young men had stripped the tables bare. The majority of the young ladies hung back. My first experience with the concept «All included» was pretty negative, because I didn’t get a single thing to eat.

As a young adult, I went to Ireland. That was a very inspiring trip. In a village, the name of which I can no longer remember, dinner was in buffet form. A fish buffet. For us then it was quite expensive, but I wanted to try it without fail. It was stunning. There were so many fantastic things, which then in normal life I could scarcely afford. I tried a lot, but of course not all. That was simply impossible. My eyes were happy to continue, but my stomach refused to follow. I was full to the brim and there was no room left, not even for the tiniest piece. That was the first time that I understood how dangerous these offers are. You eat much too much. Although they are tempting, from then on I avoided all such offers.

Now, from January, I have the general rail-pass for the train in Switzerland. That means, at the start one pays a price, for which one could buy a second-hand car with many kilometres on the clock, and then almost the whole public transport is included. And behold, it works like the buffet. You don’t think but just go, anyway it’s included in the price. And because my youngest and I both have the general rail-pass, in the holidays we decided not to have a plan, but always to take the first train which is leaving the station. So we took only our scooters and a little money for refreshments. The first train took us to Lucerne, that was the terminus and everybody had to get off. We caught a glimpse of the Gütsch – a hotel on a hill high above Lucerne with a huge red heart. We took the light railway up to the hotel and visited the open-air exhibition – LA Collection’Air. You can and must disagree about art, but honestly it’s not worth the 12 francs admission.

Then we went, via the hill opposite, round the city wall to the station and the first train was going to Basle. Basle was again the terminus. We visited the Cartoon Museum, drank coffee and Rivella. From Basle the next train was going to St. Gallen. We got on the train but decided to get off at the Airport and watch the departing flights from the Observation Deck. It was an early evening, cold but bathed in wonderful sunshine. The next train took us to Zürich and because we were quite hungry, we got off to find dinner. Then we arrived home late, it was almost 11.00 pm, but during the holidays that doesn’t matter.

We have used our general rail-pass a lot and travelled right across Switzerland. It was nice. Was it excessive? Wouldn’t it have been enough just to have viewed Lucerne properly? I think we’ll do it again. Without a plan, unfortunately that happens ever more seldom. And making such a journey with the first train available, holds many surprises in store.


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Masslosigkeit


In meiner Kindheit gab es für Preis eines Stückes exakt ein Stück. Familienpackungen existierten noch nicht, 3 für 2 ebenfalls nicht und Buffet oder “Alles in Preis inbegriffen” waren mir als Kind unbekannte Phänomene. Meine erste Begegnung mit “All you can eat” war in der Tanzstunde in der Pubertät und es war eigentlich nicht so gemeint, dass man sich den Bauch vollschlägt, sondern dass man gute Manieren lernt. Das ist ziemlich schiefgelaufen.

Stellt Euch eine Horde pubertierender junger Männer im Wachstum vor. Gekleidet in schwarzen Anzügen mit Fliegen, denen schwedische Tische voll mit belegten Brötli gratis angeboten wurden. Wir standen da und der Tanzmeister hielt einen Vortrag darüber, wie man sich in so einer Situation richtig benimmt. Kein Drängen, kein sich den Mund vollstopfen, Damen den Vorrang geben, langsam essen etc. Was folgte war ähnlich wie bei den Hunger Games und der Tanzmeister hatte keine Chance die jungen Männer zu bremsen. Seine Rufe ins Mikrofon – “Nicht drängeln, nicht kämpfen”, hallten durch den Tanzsaal aber zeigten keine Wirkung.

Innert kurzer Zeit hatten die jungen Männer die Tische leer geplündert. Die Frauen hielten sich mehrheitlich im Hintergrund. Meine erste Erfahrung mit dem Konzept «Alles inbegriffen» war ziemlich negativ, denn ich ass damals kein einziges Stück. Als junge Erwachsene fuhr ich nach Irland. Das war eine sehr inspirierende Reise. In einem Dorf, an dessen Namen ich mich heute nicht mehr erinnere, hatte es das Abendessen in Buffetform gegeben. Ein Fischbuffet. Es war für uns damals ziemlich teuer aber ich wollte es unbedingt versuchen. Es war umwerfend. Da waren so viele phantastische Sachen, die ich mir im normalen Leben damals kaum leisten konnte. Ich probierte von Vielem, aber selbstverständlich nicht von Allem. Das war schlichtweg unmöglich. Die Augen haben gerne weitergemacht aber der Magen hat die Gefolgschaft verweigert. Ich war satt und voll und es hat gar keinen Platz mehr gegeben, nicht einmal für etwas winzig Kleines. Das war das erste Mal, dass ich verstanden habe, wie gefährlich diese Angebote sind. Man isst viel zu viel. Obwohl verlockend, mied ich ab dann alle solche Angebote.

Jetzt habe ich ab Januar das Generalabonnement für den Zug in der Schweiz. Das bedeutet, man zahlt am Anfang einen Preis, für den man ein altes Auto mit vielen Kilometern kaufen könnte und danach ist fast der gesamte öffentliche Verkehr inbegriffen. Und siehe da, es funktioniert ähnlich wie das Buffet. Man überlegt nicht und fährt einfach. Es ist sowieso im Preis inbegriffen. Und weil ich mit der Familienkarte meinen Jüngsten überall hin mitnehmen, kann, wo mein GA gilt, haben wir jetzt in Ferien entschieden, dass wir keinen Plan machen werden, sondern immer den ersten Zug nehmen, der vom Bahnhof wegfährt. Wir packten nur unsere Trottinettes und ein bisschen Geld für die Verpflegung ein. Der erste Zug fuhr uns nach Luzern, dort war Endstation und alle mussten austeigen. Unser Blick fiel auf das Chateau Gütsch – ein Hotel hoch auf dem Berg über Luzern mit einem riesen grossen roten Herz. Wir fuhren mit dem Bähnli nach oben und besuchten die Freiluft Ausstellung – LA Collection’air. Über Kunst kann und muss man streiten, aber ehrlich die 12 Franken Eintritt ist es nicht wert.

Danach fuhren wir via den gegenüberliegenden Berg um die Stadtmauer herum zum Bahnhof und der nächste Zug fuhr nach Basel. Basel war wieder Endstation. Wir besuchten das Cartoon Museum, tranken Kaffee und Rivella. Aus Basel fuhr der nächste Zug nach St. Gallen. Wir stiegen ein aber entschieden uns am Flughafen auszusteigen und auf der Zuschauerterasse die Abflüge zu beobachten. Es war ein kalter aber herrlich in Sonne gebadeter früher Abend. Der nächste Zug fuhr uns nach Zürich und weil wir ziemlich hungrig waren, stiegen wir aus um einen Ort zum Nachtessen zu finden. Zu Hause waren wir dann spät, es war fast 23 Uhr, aber während der Ferien macht es nichts aus.

Wir haben unser Generalabo intensiv genutzt und sind quer durch die Schweiz gefahren. Es war schön. War es masslos? Hätte nicht gereicht sich einfach Luzern richtig anzuschauen? Ich glaube wir werden es wieder machen. Mal ohne Plan, das kommt leider immer weniger vor. Und so eine Reise mit dem ersten Zug, der kommt zu machen, hält viele Überraschungen parat.


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Büchermord


Ich bin umgezogen. Im Büro vom 2ten in den 5ten Stock. Man kann es als kometenhaften Aufstieg bezeichnen, weil der 5te Stock ist der oberste Stock in unserem Gebäude. Und zur gleichen Zeit von einer Stadt in eine andere. Jeder Umzug bedeutet Trennung. Ich bin eine Sammlerin und im Verlaufe der Jahre haben sich unzählige Sachen und materialisierte Erinnerungen angesammelt. An beiden neuen Orten habe ich weniger Platz als bis anhin und konnte nur wenig mitnehmen (Möbel schon gar keine). Das bedeutete, etwas muss weg. Es hat Wochen gedauert, mich von dem, was ich lieb gewonnen hatte, zu trennen. 

Stellt Euch das bildlich vor: Ich stehe vor meiner grossen Bibliothek und nehme jedes Buch wieder in die Hand. Ich merke, dass ich bestimmte Bücher seit mehr als 20 Jahren nicht mehr angefasst habe, ausser, um sie abzustauben. Brauche ich so ein Buch? Werde ich es nochmals in meinem Leben lesen? Damals habe ich es gelesen, aber heute weiss ich nur sehr vage, um was es gegangen ist. Aber bei vielen dieser Bücher kommt eine Erinnerung, unter welchen Umständen ich das Buch gelesen hatte. Vielleicht war es im Sommer während der Schulferien. Ich pflegte eine Zeit lang in unseren Apfelbaum zu klettern und in den Ästen sitzend Bücher zu lesen. Plötzlich mit dem Buch in der Hand, ist der Geruch der reifen Sommeräpfel wieder da. Die Zeit, die ins letzte Jahrtausend gehört, erscheint in der Erinnerung so, als ob es gestern gewesen wäre. Wenn ich jetzt dieses Buch weggebe, geht die Erinnerung verloren.

Früher waren mir meine Bücher heilig. Im Falle eines Feuers hätte ich wahrscheinlich versucht, sie alle zu retten. Meine Kinder wussten, dass sie viele Freiheiten haben, aber sollten sie eines der Bücher beschädigen, bemalen oder sonst wie verunstalten, wird es krachen. Nur einmal hat meine Älteste als 3-jährige ein Bild in eines meiner Bücher gemalt. Ich bin dann ausgeflippt und sie realisierte, dass sie meine Achillesferse getroffen hatte. So klug wie sie ist, hat sie es nie mehr wiederholt.

Wenn ich mich aber jetzt von einem Buch trenne, was mache ich mit ihm? Früher konnte man gelesene Bücher verkaufen oder verschenken. Das geht heute nicht mehr, weil niemand sie möchte. Dazu sind viele meiner alten Bücher in Sprachen, die man hier in der Schweiz nur sehr selten hört und so gut wie nie als Bücher verkauft. Darum ist der einzige Weg, heute Bücher zu entsorgen, sie ins Altpapier zu geben. Man kann aber nicht das ganze Buch ins Altpapier geben. Die Bücherdeckel müssen von den Seiten getrennt werden. Die Deckel lassen sich mit einem Messer abschneiden.

Obwohl ich heute bereit bin, mich von vielen Büchern zu trennen – denn lesen werde ich sie nie mehr – einen Mord am Buch, das heisst ihm ein Messer in den Rücken zu stossen, das kann ich aber nicht machen. Sehr brav und sehr grosszügig, habe ich viele Bücher aussortiert. Wohl war mir dabei nicht. Ich wusste doch, dass sie zur Vernichtung bestimmt sind. Mein Herz weinte aber ich setzte die Liquidation fort. Ich konnte es aber auch nicht an einem Stück,weil es mir emotional sehr zusetzte, sondern ich musste es nach und nach tun. Darum hat das Aussortieren Wochen gedauert. Die Bücher dann mit dem Messer verletzen, konnte ich persönlich nicht. Da musste ich um Hilfe bitten. Zuschauen habe ich ebenfalls nicht gekonnt. Das hat zu viele Schmerzen verursacht. Jetzt bin ich umgezogen. Ich habe alle Kleider, mein Büro ausgepackt. Die Bücher noch nicht. Ich weiss, dass die umgezogenen Bücher auf mich böse sind, obwohl sie überlebt haben. Ich verstehe sie, schlussendlich haben sie viele Bekannte verloren. Ich trauere ihnen ebenfalls nach.