Michaela Merz

Joggen in der Stadt

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Ich bin viel unterwegs. Heute in Genf, morgen in London, am Mittwoch in Zug. Das mag toll klingen, ist aber sehr ermüdend. Wenn man reist und arbeitet, sieht man Big Ben, Parlament, die Burg von aussen, beim Vorbeifahren, aber man hat nie Zeit in einem Café zu sitzen, Eindrücke zu verarbeiten, die Sehenswürdigkeiten zu besuchen. Man ist getrieben von Verpflichtungen und Terminen.

Trotzdem will und muss ich mich bewegen. Meistens ende ich in einem düsteren Fitnessraum im Keller, der gar nicht inspirierend ist, aber ein Laufband bietet. Da die ‎Räumlichkeiten meistens so schrecklich ohne Tageslicht sind, habe ich angefangen draussen meistens mitten in der Stadt zu laufen.

Am Morgen bevor die Stadt erwacht, wenn es schon hell ist und die Luft noch frisch ist das Laufen inmitten historischer Gebäude einfach herrlich. Ich bin über die Karlsbrücke die Treppe hoch und durch die Prager Burg gelaufen, zum Opernring und am Rathaus entlang bis zur Donau und rund um den Stephansdom in Wien, ich bin in San Francisco die hügeligen Strassen nach oben und unten gelaufen, im Burgviertel von der Matthiaskirche zum Donauufer bis auf die Margareteninsel in Budapest. Dort habe ich mich erinnert wie ich als junge mittellose Studentin nach Budapest gereist bin, um die neusten westlichen Filme zu sehen. Im liberalen Ungarn sind die Filme gelaufen, im konservativen Tschechien konnte man sie nicht sehen, obwohl sie politisch gesehen harmlos waren. Da wir billig reisten hatten wir leider kein Geld für Übernachtung übrig. Wir mussten im Freien im Schlafsack übernachten. Gewählt hatten wir die Margareteninsel wie die Obdachlosen, die ich beim Laufen am Morgen in der Stadt auf den Bänken sah. Nur damals im sozialistischen Budapest war es nicht erlaubt draussen zu übernachten. Die Polizei kontrollierte jede Nacht die Insel und hat alle vertrieben, die ein Nachtbiwak bezogen haben. Wir mussten bis 1 Uhr warten, bis die letzte Razzia stattfand, dann haben wir in einem versteckten Busch die Schlafsäcke ausgerollt und herrlich geschlafen.

Jetzt laufe ich durch Budapest, zwei Jahrzehnte später und mache eine Schlaufe durch die Margareteninsel. ‎Da es so früh am Morgen ist, schlafen noch einige auf den Bänken. Zwei, drei Nächte mitten im Sommer, wenn es nicht regnet und wenn man weiss in drei Tagen kann ich wieder ausgiebig duschen, ist es ein tolles Abenteuer, für jede Nacht unerträglich. Dann lieber der Stress der Termine und die Zwänge durch Pflichten.

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