Michaela Merz

Der grüne Daumen

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Als Kind wurde ich durch meinen Vater genötigt in seinem Obst- und Gemüsegarten Unkraut zu entfernen. Das war unbequem, langweilig und für mich völlig sinnlos. Ich hätte lieber mit Kollegen gespielt, anstatt zum wirtschaftlichen Erfolg des Hobbygärtnerns meines Vaters beizutragen. Seine Erfolge waren zudem gemischt und mir schienen Aufwand und Ertrag eindeutig zu Gunsten des Aufwandes zu überwiegen. Einmal zur Gartenarbeit verdonnert, gab es kein Entrinnen.

Mein Vater hat es leider nie verstanden, mich mit einem guten pädagogischen Ansatz zu motivieren und mir selbständige Arbeiten, wie das Setzen oder das Ernten zu übertragen und so war mir die Gärtnerei während der gesamten Kindheit ein Grauen. Gleichzeitig war ich jedoch fasziniert von den Erfolgen meines Grossvaters. Mein Grossvater hatte einen riesen Obstgarten voll mit wunderbaren Bäumen mit fantastischen, süssen Früchten. Der Garten meines Grossvaters war verwildert und bis auf eine abgesperrte Ecke seinen Hühnern zugänglich. In diesem Hühnerparadies musste man nie Unkraut entfernen. Entweder gab es das nicht oder es hat nicht gestört. In der Gemüseecke habe ich ebenfalls nie gesehen, dass mein Grossvater Unkraut bekämpft hätte. Er warf paar Samen, dazu ein bisschen Hühnermist und das war das Ende der Pflege. Vieles kam und war köstlich. Dem Grossvater war es egal und sehr oft hat er Mehrheit verschenkt, da er sich selber nur von Brot, Eiern, Butter und Früchten ernährt hat.

Irgendwann im Erwachsenenalter hat mich aber das Bedürfnis gepackt, selbst etwas zu setzen, wachsen zu sehen und zu ernten. In meinem taschentuchgrossen Garten war jeder Zentimeter genutzt. Ich probierte alles. Peperoni, Tomaten, Auberginen, Bohnen, Salat, Rosenkohl, Blumenkohl, Rüebli, Kohlraben und so weiter. Auch meine Erfolge waren sehr gemischt. Mal sind alle meine zwölf Blumenkohlsetzlinge gekommen und wurden riesig. Man kann ein, zwei Köpfe Blumenkohl essen. Nicht aber zwölf. Die wurden, wie ich es bei meinem Grossvater gesehen hatte, in der ganzen Nachbarschaft verschenkt. In einem Jahr müsste ich die Stangenbohnen vier Mal nachsetzen. Zwei Mal hat sie das zu feuchte Wetter vernichtet und weitere zwei Mal ein Gourmet Reh aus dem angrenzenden Wald.

Die Erfolge fühlen sich toll an. Ich betrachtete mit Stolz meine Bohnen, ich habe kaum etwas Köstlicheres gegessen als den selbst geernteten Rosenkohl, den man direkt aus dem Garten eine Stunde später in ein duftendes Gericht verwandelt hat.

Die Niederlagen sind frustrierend und man braucht Stehvermögen. Wie kämpft man gegen die Nacktschnecken? (Zeitweise habe ich sie jeden Morgen abgesammelt). Wie kämpft man gegen Krankheiten? Wie kämpft man gegen Wetter? Wie hält man verschiedene Schädlinge fern? Den grünen Daumen meines Grossvaters habe ich leider nicht geerbt und so erlernte ich alles aus Trial and Error.

Ich gebe zu, heute bin ich so weit wie mein Grossvater vor vielen Jahren. Ich habe einen pflegeleichten Obstgarten mit Brombeeren, Himbeeren, Johannisbeeren, Stachelbeeren und setze jedes Jahr ein paar Tomatenstauden. Der Rest des Gartens sind mehrjährige, pflegeleichte, duftende Blumen. Das bringt den erwünschten Erfolg und vermeidet die Frustration des Misserfolges. Wie bei allem ist das Wissen entscheidend und ich bin trotz vielen Jahren des Gärtnerns immer noch eine Anfängerin. Vielleicht im nächstem Leben.

Aber mein Garten hat mich vieles gelehrt. Demut, dass wir heute nicht mehr das, was auf den Teller kommt, selber setzen müssen. Ich wäre wahrscheinlich während des ersten Winters verhungert. Freude und Stolz über das Gelungene und Erschaffene. Bescheidenheit was die Erwartungen anbetrifft.

Als Motivationsübung kann ich es jedem empfehlen.

Bildquelle: M. Großmann  / pixelio.de

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