Die irische Geschichte

Ich war in einer kleinen irischen Stadt für einen Tag zu Besuch. Am späten Nachmittag machte ich mich auf, die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu erkunden. Es war eine kleine überschaubare Stadt und es gab nicht sehr viel Historisches zu sehen. Ich landete bei einer winzigen Kirche, umgeben von einem kleinen Friedhof. Er war sehr einfach, mit nur wenigen Steinen ohne jeden Schmuck und Blumen. Nur die Inschriften auf den Grabsteinen erzählten kleine Geschichten.

Eine dieser Geschichte hat mich sehr berührt. Auf dem Stein waren drei Vornamen mit den gleichen Nachnamen, wo der Tag und das Jahr der Geburt sich vollständig mit dem Todestag deckten. Das alles in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts. Ich bin still vor dem Stein gestanden und konnte das Leid der Mutter spüren. Es war ein sehr berührendes Gefühl. Wahrscheinlich bin ich dort lange gestanden, denn plötzlich hörte ich eine Stimme.

Eine alte Dame fragte mich, ob ich zu Familie gehöre. Ich verneinte, aber sagte, dass es kaum was Schlimmeres im Leben geben kann, als drei eigene Kinder zu verlieren. Ich erwartete keine Antwort, aber sie sagte sehr leise, “Es gibt Schlimmeres im Leben.“

Ich schaute sie mit Verwunderung an. Sie war klein und zierlich, etwa plus minus 70, eine nette ältere Dame.

Sie erzählte mir ihre Geschichte und während ihrer Erzählung bekam ich richtig Gänsehaut.

Ihre vier Geschwister leben alle in dieser kleinen Stadt. Sie hat keinen Kontakt zu ihnen und es passiert immer wieder, dass wenn sie ihnen in der Stadt begegnet, ihre etwas jüngeren Geschwister, die Strassenseite wechseln. Sie ist ledig und alleinstehend. Das, was ihr zum Verhängnis wurde, war die Tatsache, dass sie fünf Monate vor der Hochzeit ihrer Eltern gezeugt wurde. Sofort nach ihrer Geburt gaben ihre eigenen Eltern sie in einem Waisenhaus ab, um die Schuld des vorehelichen Sex von sich zu waschen. Ihre Eltern haben sie kein einziges Mal besucht, haben sich nie interessiert wie es ihr geht. Sie wurde ausgestossen, wie wenn sie die schuldige wäre. Die ganze Familie hat sich ihretwegen tief geschämt. Sie erzählte weiter, dass die Jahre in dem Heim schlimm waren, vielleicht schlimmer als der Tod, weil sie oft Hunger hatte, geschlagen und sexuell missbraucht wurde. Das schlimmste aber war das Gefühl, ungewollt und unerwünscht zu sein. Sie sagte, sie hat nie in ihrem Leben Liebe kennengelernt.

Mir war mulmig und unwohl. Aber sie wirkte so ruhig und mit sich im Reinen, dass mir klar war, um sie muss ich mir keine Sorgen machen.

Ich weiss schon lange, dass das Leben ungerecht sein kann. Es erstaunt mich aber immer wieder wie perfide ein Mensch einem anderen Menschen Leid zufügen kann.

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