Michaela Merz


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Die schwierigste Rede meines Lebens


Mein Stiefvater Jan ist gestorben. Er war 84 Jahre alt und hatte die letzten 5 1/2 Jahre eine tödliche Krankheit in sich getragen. Wir alle wussten, dass er stirbt. Man kann mit seiner Krankheit 1 bis maximal 10 Jahre überleben. Und obwohl ich das wusste, realisierte ich: auf den Tod kann man sich nicht vorbereiten. Sein Tod traf mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Der Boden wurde mir unter den Füssen weggezogen und ich fühlte mich so hilflos wie noch nie in meinem Leben. Ich bin eine Macherin. Ich bin es mir gewohnt, Probleme zu lösen. Ich bin diejenige, die erfolgreich Wege aus aussichtslosen Situationen sucht und findet und plötzlich war da nichts, was ich hätte machen können. Eine unendliche Trauer erfüllte mich. Ich funktionierte und half meiner Mutter mit allem, was es in so einer Situation braucht, aber irgendwie war es alles mechanisch.

Für das Begräbnis, das 7 Tage nach seinem Tod stattfand, wünschte sich meine Mutter, dass ich die Abschiedsrede halte. Und ich konnte nicht NEIN sagen. Ab dem Zeitpunkt, als ich ihr es versprach, begann ich mich intensiv vorzubereiten. Ich erinnerte mich an all die Sachen, die er mir je über sich und seine Eltern erzählt hatte und ich begann, die kleinen Geschichten zu einem Bild zusammen zu setzen. Ich stellte mir eine Geschichten-Collage vor, die ihn am besten charakterisierte. Und je mehr ich an der Rede arbeitete, umso schlechter ging es mir. Er war ein herzensguter Mensch, immer gut gelaunt. Er hat Leute gerne gehabt und diese zahlten es ihm mit Liebe zurück. Er konnte keiner Fliege etwas zuleid tun. Er war genügsam und lustig, fleissig und sehr geschickt. Er war ein begnadeter Handwerker und ein wunderbarer Pianist. Er war meiner Mutter ein sensationeller Ehemann. Je mehr mir dies alles bewusst wurde, umso grösser wurde meine schon unermesslich grosse Trauer. Das Gefühl jemand wahnsinnig Wertvollen für immer verloren zu haben, fühlte sich wie eine Bleikugel an, die an meinem Bein befestigt wurde.

Ich übte die Rede während ich joggte, weil ich in Bewegung, am besten früh am Morgen ein bisschen entspannen konnte. Ich übte die Rede, wie ich meine Reden in der Vergangenheit übte, aber fast immer sind mir die Tränen gekommen. Ich habe immer mehr Angst bekommen, dass ich meine Rede am Tag des Begräbnisses nicht zu Ende vortragen können werde, weil mir die Tränen die Sprache ersticken. Ich wusste nicht, wie man sich gegen solche Trauer wappnen könnte.

Das Begräbnis war schlimm. Offensichtlich kannten und schätzten ihn so viele Leute, dass die Stühle in der Abdankungshalle nicht ausreichten. Viele Leute, die sich von ihm das letzte Mal verabschieden wollten, mussten stehen. Der Platz war knapp und all die mitgebrachten Blumen, die rund um seinen Sarg gelegt wurden, wirkten wie eine bunte, farbige Wiese. Als das erste Musikstück, nach dem ich meine Rede halten sollte, zu spielen begann, musste ich mir die Lippen blutig beissen in der Hoffnung, dass der Schmerz die Trauer und die in mir aufsteigenden Tränen besiegen würde. Es ist mir eher schlecht als recht gelungen. Noch nie in meinem Leben ist mir eine Rede so schwergefallen. Wenn meine Mutter nicht da gewesen wäre, die sich wünschte, dass ich diese Rede halte, wäre ich wie ein Feigling weggelaufen. Der Schmerz war unerträglich. Irgendwie habe ich es doch noch geschafft, mich zu erheben, nach vorne zu gehen und meine Rede vorzutragen. Jan hätte sich sicher nicht gewünscht, dass ich eine traurige Rede halte. So habe ich einige der Geschichten erzählt, die er mir selber erzählte hatte, wie diese hier vom vergessenen Hochzeitstag.

Ich erzählte von der Beziehung zu seiner Mutter und seiner einmaligen Beziehung zwischen ihm und meiner Mutter. Zunächst sah ich die vielen Gäste vor mir gar nicht, ich sah eigentlich ihn, damals, als er mir die Geschichten erzählte. Erst später wurde mir bewusst, dass, obwohl keine seiner Geschichten traurig waren, viele der Anwesenden weinten, während ich sprach. Ich weinte nicht und schaffte es, die Rede zu Ende halten. Ich habe meinen Auftrag erfüllt. Aber danach war ich hundemüde, wie wenn ich einen Marathon in Rekord Zeit gelaufen wäre. Mein Körper und mein Geist wurden von Trauer und Müdigkeit als Geisel genommen.

Danke, Danke für Alles und eine gute Reise.

Bildquelle: berggeist007/pixelio.de


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Büchermord


Ich bin umgezogen. Im Büro vom 2ten in den 5ten Stock. Man kann es als kometenhaften Aufstieg bezeichnen, weil der 5te Stock ist der oberste Stock in unserem Gebäude. Und zur gleichen Zeit von einer Stadt in eine andere. Jeder Umzug bedeutet Trennung. Ich bin eine Sammlerin und im Verlaufe der Jahre haben sich unzählige Sachen und materialisierte Erinnerungen angesammelt. An beiden neuen Orten habe ich weniger Platz als bis anhin und konnte nur wenig mitnehmen (Möbel schon gar keine). Das bedeutete, etwas muss weg. Es hat Wochen gedauert, mich von dem, was ich lieb gewonnen hatte, zu trennen. 

Stellt Euch das bildlich vor: Ich stehe vor meiner grossen Bibliothek und nehme jedes Buch wieder in die Hand. Ich merke, dass ich bestimmte Bücher seit mehr als 20 Jahren nicht mehr angefasst habe, ausser, um sie abzustauben. Brauche ich so ein Buch? Werde ich es nochmals in meinem Leben lesen? Damals habe ich es gelesen, aber heute weiss ich nur sehr vage, um was es gegangen ist. Aber bei vielen dieser Bücher kommt eine Erinnerung, unter welchen Umständen ich das Buch gelesen hatte. Vielleicht war es im Sommer während der Schulferien. Ich pflegte eine Zeit lang in unseren Apfelbaum zu klettern und in den Ästen sitzend Bücher zu lesen. Plötzlich mit dem Buch in der Hand, ist der Geruch der reifen Sommeräpfel wieder da. Die Zeit, die ins letzte Jahrtausend gehört, erscheint in der Erinnerung so, als ob es gestern gewesen wäre. Wenn ich jetzt dieses Buch weggebe, geht die Erinnerung verloren.

Früher waren mir meine Bücher heilig. Im Falle eines Feuers hätte ich wahrscheinlich versucht, sie alle zu retten. Meine Kinder wussten, dass sie viele Freiheiten haben, aber sollten sie eines der Bücher beschädigen, bemalen oder sonst wie verunstalten, wird es krachen. Nur einmal hat meine Älteste als 3-jährige ein Bild in eines meiner Bücher gemalt. Ich bin dann ausgeflippt und sie realisierte, dass sie meine Achillesferse getroffen hatte. So klug wie sie ist, hat sie es nie mehr wiederholt.

Wenn ich mich aber jetzt von einem Buch trenne, was mache ich mit ihm? Früher konnte man gelesene Bücher verkaufen oder verschenken. Das geht heute nicht mehr, weil niemand sie möchte. Dazu sind viele meiner alten Bücher in Sprachen, die man hier in der Schweiz nur sehr selten hört und so gut wie nie als Bücher verkauft. Darum ist der einzige Weg, heute Bücher zu entsorgen, sie ins Altpapier zu geben. Man kann aber nicht das ganze Buch ins Altpapier geben. Die Bücherdeckel müssen von den Seiten getrennt werden. Die Deckel lassen sich mit einem Messer abschneiden.

Obwohl ich heute bereit bin, mich von vielen Büchern zu trennen – denn lesen werde ich sie nie mehr – einen Mord am Buch, das heisst ihm ein Messer in den Rücken zu stossen, das kann ich aber nicht machen. Sehr brav und sehr grosszügig, habe ich viele Bücher aussortiert. Wohl war mir dabei nicht. Ich wusste doch, dass sie zur Vernichtung bestimmt sind. Mein Herz weinte aber ich setzte die Liquidation fort. Ich konnte es aber auch nicht an einem Stück,weil es mir emotional sehr zusetzte, sondern ich musste es nach und nach tun. Darum hat das Aussortieren Wochen gedauert. Die Bücher dann mit dem Messer verletzen, konnte ich persönlich nicht. Da musste ich um Hilfe bitten. Zuschauen habe ich ebenfalls nicht gekonnt. Das hat zu viele Schmerzen verursacht. Jetzt bin ich umgezogen. Ich habe alle Kleider, mein Büro ausgepackt. Die Bücher noch nicht. Ich weiss, dass die umgezogenen Bücher auf mich böse sind, obwohl sie überlebt haben. Ich verstehe sie, schlussendlich haben sie viele Bekannte verloren. Ich trauere ihnen ebenfalls nach.


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Stockholm und die Vergänglichkeit


Die Steuerbehörden und die Steuerberater haben sich zu einem Austausch in Stockholm getroffen. Das ist immer nützlich und ich staune jedes Mal, wie schnell die Gedanken und die Umsetzung im Bereich Digitalisierung bei den Behörden voranschreitet.

Sehr beeindruckt hat mich Ruanda, die ein neues Mehrwertsteuersystem aufgebaut haben, wo die geschuldete Mehrwertsteuer nie dem Verkäufer bezahlt wird sondern direkt an das Konto der Steuerbehörde geht. Die Rückerstattung erfolgt gemäss der Behörde innerhalb eines Tages. Und die Belege, die die Privatpersonen beim Kauf erhalten, sind eigentlich Voucher mit denen man Geld beziehen kann. Ein ausgetüfteltes System wie man Betrug verhindern kann. Continue reading


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Schau mir in die Augen, Kleines


Wenn ihr in zehn, zwanzig Jahren zurückblickt, was ist es, das euch in Erinnerung geblieben sein wird? Eine bestandene Prüfung? Der erste Kuss? Ein spezifisches Buch oder ein Film?

Wenn ich zurück denke, so ist es einiges, was mir in Erinnerung geblieben ist. Continue reading