Michaela Merz

Weniger ist mehr

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Ich bin letztes Jahr umgezogen. Ich musste mich von vielen Dingen trennen, weil sie kein Platz mehr hatten. Das tat weh. Die emotionale Bindung war stark. Es mag stimmen, dass ich Mehrheit meine Bücher mehr als 20 Jahre kein einziges Mal in Hand hatte (ausser zum Abstauben), aber bei fast allen, wusste ich wo ich sie gekauft hatte oder wer sie mir geschenkt hat und welche Erlebnisse ich hatte, als ich sie las. Mit jedem Buch, mit jedem Gegenstand sind plötzlich Bilder gekommen, die sonst im Labyrinth der Erinnerungen verloren gegangen wären. Mir war klar, dass wenn man die Gegenstände wegwirft, weil man sie eigentlich nicht braucht, geht ein Teil der eigenen Geschichte verloren. Das ist wie wenn die Fotos per Irrtum gelöscht werden, wie kürzlich bei Swisscom. Sich dann an die Erlebnisse ohne die Stütze der Bilder zu erinnern, ist fast Ding der Unmöglichkeit.

Ich bin umgezogen und habe so richtig ausgemistet. Bücher, Kleider, Erinnerungsgegenstände, Dokumente, Möbel. Es ist mir nicht einfach gefallen. Zum Beispiel Kleider. Ich habe mein ganzes Leben lang plus Minus immer das gleiche Gewicht. Das ist Vorteil und Nachteil zu gleich. Alle die Sachen passen und diejenigen, die ich vor 20 Jahren gekauft hatte, sind plötzlich wieder super modisch. Es ist aber schlechthin zu viel, Also weg damit. Nur die letzte Bluse, die ich auch nicht mehr 20 Jahre getragen hatte, die mir meine Grossmutter als letztes Stück vor ihrem Tod genäht hatte, konnte ich nicht entsorgen. Das ist der letzte materielle Stück, welches ich noch von ihr besitze und mit ihr in Verbindung bringe. Ich kann die Bluse nicht einfach in alt Kleider Sammlung geben. Es geht nicht.

Ich habe viele Säcke gefüllt und entweder für gute Zwecke weggegeben oder entsorgt. Ich habe eigentlich nur sehr, sehr wenig umgezogen. Paar gefüllte Kisten sind dann in Keller stehen geblieben. Am Anfang hat mir dort und da noch etwas gefehlt aber mit der Zeit habe ich nichts vermisst. Die Kisten mit den ganzen Erinnerungen sind im Keller geblieben. Es ist fast ein Jahr her und ich stelle fest, ich konnte heute mit gutem Gewissen, alle diese Kisten in Abfall entsorgen, weil sie mir nicht wirklich fehlen.

Das erstaunlichste ist, dass in meiner Kindheit die Erinnerungen, die alten Gegenstände einen sehr hohen Wert hatten. Heute sind sie so gut wie wertlos. Man muss die Versteigerung auf Ricardo anschauen. Meine Mutter hat alte Bauermöbel und Haushaltsgegenstände gesammelt und in mühsame Arbeit restauriert. Unser ehemaliger Nachbar, der eine Reinigung hat, hat eine Sammlung alter Bügeleisen, die Tante Sammlung altes Porzellan, die andere Tante Sammlung alter Krüge und so weiter. Da wir uns mehr in die Zukunft orientieren und die Vergangenheit und das alte immer weniger interessiert, werden viele Sachen, obwohl handwerklich genial gemacht, wertlos. Ich finde es sehr Schade aber kann mich selber dem Trend auch nicht entziehen.

Leider hat es nicht nur mit Gegenständen, sondern auch mit Leuten zu tun. Respekt von Alter (“es gibt doch so viele Alte”) gibt es in bescheidenen Ausmass und Wertschätzung über das was sie beitragen oder beitragen konnten, wenn die Gesellschaft sie gelassen hatte, ist klein. Ich sehe und erlebe rund um mich bei vielen Freunden, die um einiges älter sind als ich die “alters”-Diskriminierung und Bevormundung. Ich sehe ihnen an, wie es sie schmerzt und verletzt. Wenn ich mit meine Mutter zu irgendeinem Amt muss, wird sie fast nie direkt angesprochen, wie wenn sie ein nicht urteilsfähiges Kind wäre. Angesprochen werde immer nur ich. Meine Mutter hat ein Hochschulabschluss, war lebenslang Mathematiklehrerin, kennt sich mit e-banking, online Shopping, wie auch mit Autoreparaturen aus. Sie liest etwa 300 Bücher pro Jahr, jedes Jahr, ihr Leben lang. Aber das sieht ihr mal halt keiner auf den ersten Blick an.

Ich finde es gefährlich und traurig, wenn nur die Zukunft, das Neue zählt. Wenn das “Alte” als Last gesehen wird und man überlegt nur über die beste und preisgünstigste Entsorgung.

Ich selber muss sagen, ich bin von fast alle meinen Sammelaktivitäten geheilt. Ich warte noch ein Jahr und danach kann ich die ungeöffnete Schachtel leichtes Herzens entsorgen. Bei Gegenständen geht es mittlerweile einfach. Bei Leuten ist es anders. Ich schätze die Erfahrung, weil erst mit dem Alter habe ich ihr Wert verstanden. Diese Erfahrung hole ich mir bei denen, die älter sind als ich. Hoffentlich bleiben sie mir sehr lange erhalten.

Bildquelle: unsplash.com

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