Michaela Merz

Warum ich keine Angst vor grossen Tieren habe

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Als ich 5 Jahre alt war, verbrachte ich den Sommer mit meiner Mutter und meiner Grossmutter in einem winzig kleinen Dorf bestehend aus 5 bewohnten Häusern. Es war mein letzter Sommer vor dem Eintritt in die Schule. Meine grösste Sorge damals war, dass ich ständig für einen Knaben gehalten wurde. Ich war winzig klein, hatte knapp 20 Kilo und kurz geschnittene Haare. Ich sah wie ein Junge aus, fühlte mich aber voll mädchenhaft. Meine Umgebung sah es aber nicht immer und nicht auf Anhieb.

In dem Sommer hat in dem Haus, wo wir wohnten auch Roy ein Zimmer belegt und bewohnt. Ich weiss nicht wie alt Roy damals war. Vielleicht 50 Jahre aber vielleicht auch 60. Ein Kind erkennt solche Details nicht. Er war für mich uralt aber super lustig. Bei uns lebte er diesen Sommer, weil er die Bullen in der Umgebung grasen liess. Jeden Morgen holte er die Herde und trieb sie in die Wiesen, damit sie sich mit Gras die Bäuche füllen konnten. Gegen Abend hat er sie wieder in den grossen Stahl getrieben und eingesperrt.

Es waren lauter Bullen. Riesen Körper, gewaltige Massen, Berge von Fleisch. Ich war fasziniert wie dieser kleine Roy, weil er war wie ich klein und dünn, so viele dieser Giganten beherrschen konnte. Ich schaute fasziniert zu. Er fragte mich, ob ich einmal mitkommen will. Ich sagte sofort ja und meine Mutter und Grossmutter haben nach mehreren Stunden Diskussion hinter geschlossenen Türen auch zugestimmt.

So bin ich früh am Morgen aufgestanden, ausgerüstet mit einem kleinen Rucksack mit belegtem Brot und Wasser. Roy hat mir als erstes vom nächsten geeigneten Baum einen langen dünnen Ast als Rute abgeschnitten und in die Hand gedrückt.

Er sagte: “Keine Angst, du bist die Chefin hier und die Jungs werden machen, was du willst. Und wenn nicht, dann reicht ein kurzer Schlag auf ihr Füdi, damit sie wissen, wer der Chef ist.”

Ab diesem Tag bin ich jeden Tag, fast den ganzen Sommer lang mit ihm und den Bullen in die Wiesen gezogen. Es war wunderbar. Die Bullen befolgten meine Befehle und machten was ich wollte. Und wenn Einer ausscherte oder von dem Weg abgekommen ist, bin ich ihm kurz mit der Rute über die Lenden gefahren. Für sie war es wie das Zwicken einer Mücke. Schmerzen hat es keine grossen verursacht, aber sie erinnert, was das Ziel heute ist. Es musste ein lustiges Bild gewesen sein. Eine grosse Herde von Bullen getrieben von einem kleinen Mann mit krummen Beinen und einem winzigem Kind, das vielleicht ein Knabe sein konnte.

Roy war sanftmütig und sehr liebeswürdig genau wie die Bullen. Er hätte ein Tier nie einfach so geschlagen. Und alle Tiere haben ihn gerne gehabt. Auch die Menschen. Ausser meiner Grossmutter.

Die nahm ihm seine mangelnde Beziehung zu Hygiene sehr übel. Ich war selten in Roys Zimmer und es ist mir dort nicht Schlimmes aufgefallen. Aber über Nacht haben dort mit ihm seine 5 Hennen und eine Ziege gehaust. Sehr oft hat er sich sogar mit den Schuhen ins Bett gelegt. Als meine Grossmutter deswegen mit ihm geschimpft hat, hat er nur gelacht und gesagt, dass wir alle eines Tages sterben werden, ganz gleich, ob wir mit Schuhen oder ohne Schuhe zu Bett gehen. Meine Grossmutter behauptete, dass ich und Roy uns so gut verstehen, weil wir uns etwa auf dem gleichen intellektuellen Niveau befinden. Das stimmte nicht, aber ich denke, meine Grossmutter wollte sich so an Roy rächen.

Ich liebte Roy, weil er mich ernst nahm und gleichberechtigt behandelte. Wir entschieden demokratisch, wo wir den Platz zum Ausruhen aufschlagen wollten, wir wechselten uns ab die Bullen zu holen, die von der Herde fort gegangen waren. Wir teilten uns das Mittagessen. Er mochte die belegten Brötli, die meine Grossmutter gemacht hatte, ich bevorzugte sein Brot gestrichen mit Senf.

Der Sommer war leider schnell vorbei. Ich konnte mir vorstellen für den Rest meines Lebens ein Cowgirl zu bleiben. Roy war einverstanden, aber meine Mutter und Grossmutter nicht. Die Bullen habe ich gerne gehabt. Eigentlich sind es ruhige Tiere, die nicht so schnell etwas aus der Ruhe bringt. Sie sind folgsam und interessieren sich hauptsächlich fürs Fressen und danach suchen sie einen schattigen Platz zum Verdauen. Mit ihnen hatte ich nie Schwierigkeiten. Schweren Herzens habe ich mich damals von Roy und den Bullen verabschiedet. Als wir im nächsten Sommer wieder kamen waren er und die Tiere nicht mehr da.

 

Ich habe viel gelernt in diesem Sommer. Seitdem habe ich keine Angst vor grossen Tieren. Warum auch!! Ich weiss, wie sie wieder zur Raison zu bringen.

One thought on “Warum ich keine Angst vor grossen Tieren habe

  1. Du imponierst mir! Ich fürchtete mich schon vor Stieren und das, obwohl ich ein Bauernkind bin und auch als Jugendliche auf unserem Hof arbeitete.

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