Michaela Merz

Gavril

Leave a comment

DepressionGavril war beliebt. Kein Wunder. Er war lustig und unterhaltsam, er lachte gern und konnte Leute zum Lachen bringen. In seiner Gesellschaft wollte man sein. Er war ein gern gesehener Gast und er liess keine Party aus. Zu seinem Markenzeichen gehörte, dass er die Party als letzter verliess, nachdem er geholfen hatte aufzuräumen.

Er hatte alles, was man sich wünschen konnte. Eine Familie mit zwei Kindern, ein kleines Haus am Rande der Stadt, einen Job mit dem er genug verdiente um Dinge zu machen, die er mochte, und viele Freunde.

Eines Morgens stand er auf und machte sich auf den Weg zur Arbeit. An der Tramstation brach er zusammen. ‎Der Nachbar, der dabei war, rief die Ambulanz, die ihn in die Notaufnahme brachte. Im Spital wurde Gavril durchgeprüft. Man vermutete einen Herzinfarkt, aber es bestätigte sich nicht. Nach Abschluss aller Untersuchungen war nicht klar, warum Gavril kollabiert war. Alle seine Messwerte waren in Rahmen des Normalen. Der Arzt schrieb Gavril eine Woche arbeitsunfähig, damit er sich erholen könne.

Gavril verkroch sich im Bett hinter verdunkelten Fenstern ohne jegliche Lust und Antrieb etwas an seiner Situation zu ändern. Über das Wochenende rappelte er sich hoch. Als er am Montag zur Arbeit ging, wiederholte sich die Situation von der Woche zuvor. Alles sah wie ein Herzinfarkt aus. Gavril wurde bleich, Schweiss trat ihm auf die Stirn und Kribbeln im linken Arm spürte er auch. Die anschliessende Überprüfung ergab, dass das sein Herz völlig in Ordnung war.

Der Arzt erwähnte, dass es möglich sei, dass es sich um eine Panikattacke handelte, die aus heiterem Himmel kommt und Symptome eines Herzversagens haben kann. Für Gavril wäre die Diagnose Herzversagen einfacher zu akzeptieren gewesen. Er, Gavril und ein psychisches Leiden!! Das passte nicht zusammen und er weigerte sich es zu akzeptieren. Daneben diagnostizierte der Arzt eine Depression.

Gavril wollte es verdrängen. Er war überhaupt nicht bereit es zuzulassen und sich damit auseinanderzusetzen. Er verweigerte das Arztzeugnis mit dieser Diagnose und jegliche Termine bei einem spezialisierten Arzt. Schlussendlich war Gavril jedoch bereit sich Antidepressiva verschreiben zu lassen, damit er wieder arbeiten gehen konnte.

Nein, es war nicht das Ende der Welt für Gavril. Seine Frau wusste Bescheid, vor dem Rest der Welt wurde seine Krankheit verheimlicht. Gavril schämte sich und verdrängte die Krankheit soweit er konnte. Mit der Zeit fand er mit Hilfe der Medikamente ein Gleichgewicht, mit dem er leben konnte. Aber es war ein wackliges Gleichgewicht, das immer wieder drohte zu kippen. Aus Gavril wurde ein anderer Gavril.

Bildquelle: http://www.pixabay.com

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s