Michaela Merz

Valdemar betrügt

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Valdemar wird in drei Jahren 80 Jahre alt sein. Er hat ein kleines Haus, welches er von seiner Mutter geerbt hatte. Es liegt in den Bergen in Schatten eines Waldes. Er ist gerne dort oben. Seine Pension ist klein, aber Valdemar ist genügsam und hat es geschafft sogar jedes Mal ein bisschen etwas auf die Seite zu legen. Wie er selber sagt: «Das ist für das Alter gedacht».

Er hat ein kleines, uraltes Auto, dass ihm sehr wichtig ist und welches er hegt und pflegt wie sein eigenes Kind.

Valdemar hat drei Hauptsorgen in seinem Leben. Das sich sein Gesundheitszustand nicht verschlechtert, dass sein Auto durch die technische Kontrolle kommt und dass seine Ärztin ihm jedes zweite Jahr die Bestätigung, dass er fahrtauglich ist, gibt.

Ohne sein Auto und seine Fahrtauglichkeit konnte Valdemar nicht zu seinem Haus in Bergen fahren und musste sein Dasein in der tristen, kleinen Stadtwohnung, die im Sommer unerträglich Heiss wird, verbringen.

Valdemar ist nämlich sehr schlecht zu Fuss, da beide seine Knie wie auch die Hüfte durch Metall ersetzt wurden. Er kann nur mit Krücken sehr langsam und unter Schmerzen gehen. Gleichzeitig verschlechtern sich seine Sehkraft. Mittlerweile kann er die dritte Reihe beim Sehtest nicht mehr erkennen. Dass muss er aber, sonst stellt ihm seine Ärztin keinen Fahrtauglichkeits-Ausweis aus.

Als er einmal allein im Sprechzimmer war, hatte er sich die Buchstaben der dritten und vierten Reihe abgeschrieben und sie auswendig gelernt. So hat er den Sehtest bestanden. So konnte Valdemar seine Mobilität behalten.

Dieses Jahr ist es wieder soweit. Valdemar übte fleissig die zwei Zahlenreihen. Er hat sie in der Küche wie auf der Toilette an der Wand gehängt. Am der Tag der Untersuchung hat er sich sehr gut rasiert, gestern war er bei Coiffeur und hat sich ein gebügeltes Hemd angelegt.

Im Warteraum war er leicht nervös aber er wusste es zu unterdrucken, da er gut vorbereitet war. Als er in die Ordination eingetreten ist, ist ihm kalte Schweiss die Rücke nach unten gelaufen. Die Ordination wurde umgebaut und modernisiert. Die alte Tafel mit den Buchstaben hängte nicht mehr an der Wand. Nur ein weisser elektrischer Kasten wo wahrscheinlich die Buchstabenreihe projiziert wird. Valdemar wusste, diese Prüfung kann er nicht bestehen. Das einzige was ihm in Sinn kam, war ein Schwächeanfall vorzutäuschen und das ist ihm mit Bravur gelungen. So konnte er sich heute die Scham des Versagens ersparen. Aber er wusste, sein Auto und sein Haus in Bergen kann er nur mit Betrug retten, weil seine Augen nicht mehr genügen.

Wie er das gemacht hatte erzähle ich euch ein anderes Mal.

Bildquelle: unsplash.com

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