Michaela Merz

Nachtruhe mit Ausnahmebewilligung

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Ich arbeite gerne und ich arbeite viel. Es macht mir Spass, unendlich viel Spass. Etwas zu erreichen, zu sehen, dass Sachen, die nicht funktionierten, dank meinem Beitrag wie am Schnürchen laufen, ist ein tief befriedigendes Gefühl. Tagen an denen ich 12 Stunden arbeite keine Seltenheit. Aber ich empfinde es nicht als störend oder stressig, ich empfinde es als Grundbedürfnis. Ich bin der Meinung, dass der Mensch da ist und seine Daseinsberechtigung aus der Tatsache zieht, dass er etwas Besseres hinterlässt als in was er hineingeboren wurde. Meine Kompensation ist dann der genügende Nachtschlaf.

Als ich vor knapp einem Jahr von der Uni Zürich ein Schreiben erhielt, dass am folgenden Abend eine Party in der Nähe meines Wohnortes stattfinden soll und Ihnen eine Ausnahme zur Nachtruhe vorliegt, war ich kurz gesagt wütend. Mir wurde gesagt ich solle mich auf eine Lärmbelästigung mitten in der Woche tief in der Nacht einstellen. Ich fand es nicht lustig. Mein Kalender zeigte mir, dass ich um 5 Uhr am Morgen aufstehen werde müssen und vor mir ein extrem langer und äusserst anspruchsvoller Arbeitstag vor mir liegt.

Was soll ich machen? Soll ich in einem Hotel in einem anderen Stadtviertel schlafen gehen? Zahlt dann die Uni die Rechnung? Wohl kaum!

Oder soll ich mich als Minderheit durch Lärm belästigen lassen, weil ich halt die Minderheit bin und mich eigentlich nicht wirklich wehren kann?

Muss ich auf meine Gewohnheit mit offenem Fenster zu schlafen verzichten und mir gleichzeitig mit Ohrstöpseln die Ohren versiegeln und riskieren, dass ich den Wecker überhören werde?

Das sind Klagen auf hohem Niveau. Aber warum ist die Party nicht am Freitag oder Samstag, wenn es weniger eine Rolle spielt. Hat es damit zu tun, dass die Studenten am Wochenende für so etwas keine Zeit haben?

Ich weiss da liegt vielleicht ein Generationskonflikt und während meines Studiums hatte ich sicher die andere Position genommen. Heute mit meinen Arbeitstagen ist jede fehlende Stunde spürbar.

Warum erzähle ich eigentlich diese fast ein Jahr alte Geschichte? Es hat mit Donald Trump zu tun. Seine Darstellung in den europäischen Medien ist negativ, sehr negativ. Aber viele meiner amerikanischen Freunde sagen mir, dass sie für ihn wählen werden. Sie sagen, dass sie es satt haben, dass die Gesetzte nicht mehr eingehalten werden, dass die niedergeschriebenen Regeln ihre Verbindlichkeit verloren haben und sie wollen es so nicht mehr. Sie wollen Ruhe zum Arbeiten und Ordnung. Das ist nicht zur Verwechseln mit dem Ruf nach einer starken Hand und blinde Folgsamkeit.

Ich schätze meine amerikanischen Kollegen und Freunde sehr und habe einige. Sie sind sehr offen für neues, moralisch Einwandfrei, sehr fleissig, ehrlich und nett. Vor der ersten Wahl von Donald Trump staunte ich mit welcher Vehemenz sie Donald Trump verteidigt haben und wie entschlossen sie hinter ihm standen.

Ich glaube nicht, dass mein Wissen und Erfahrung reichen um ein Urteil über die Wahlen abzugeben. Es ist auch nicht mein Bedürfnis. Es ist mir nur aufgefallen, dass gut ausgebildete Leute mit Perspektive in der USA hinter Donald Trump stehen. Sie trauen sich einfach nicht, es in Europa laut auszusprechen, aus Angst angepöbelt zu werden. Was eher etwas über Europa sagt. Wonach sie suchen ist, dass Regeln, Gesetzen und ihre Umsetzung die scheinbar in USA teilweise verloren gegangen sind, wieder angewendet werden. Die Zukunft wird zeigen, ob es sich um Ausnahmen oder die Regel handelt.

Ich muss nur sagen, dass ohne verbindliche Regeln, die auch angewendet werden, das Zusammenleben unmöglich wäre. Unsinnige Regeln treiben mich in den Wahnsinn, aber Regeln als solche will ich nicht missen. Ohne Regeln hätte ich keine Zeit für meine Arbeit, Kreativität, gar nichts, weil ich jeden Tag die Regeln tausendmal neu verhandeln müsste. Autofahren wäre dann wahrscheinlich tödlich. Lasst uns Tolerant sein aber die gemeinsam abgemachten Regeln einhalten und ihre Anwendung nicht auszuhöhlen. Auch nicht mit Ausnahmebewilligung.

Bildquelle: unsplash.com

One thought on “Nachtruhe mit Ausnahmebewilligung

  1. Als Weltbürger – aber auch Amerikaner – möchte ich hinterfragen, ob man moralisch Einwand frei stetiges Lügen, die Untergrabung demokratischer Institutionen, und laut ausgesprochene Frauenfeindlichkeit, Rassismus, und Aufrufe zur Gewalt unterstützen kann. Ich glaube gerne, dass dieses Verhalten bei vielen nicht im Vordergrund steht, wenn sie Trump unterstützen. Aber wenn man es in Kauf nimmt, muss man auch gerade stehen was man eigentlich unterstützt – oder nicht? Besonders dann wenn Trump regelmässig damit prahlt Regeln nicht einzuhalten…

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