Michaela Merz

Mit dem Bauch entscheiden

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Es ist Sonntag, der Wind fegt über den Lago Maggiore und bildet kleine Wellen, ab und zu mit einer weissen Schaumspitze. Ich sitze in meinem Laser, einem kleinen Segelboote für eine Person, wo man auch bei wenig Wind das Füdi nass bekommt. Ich segle von Ascona nach Ronco mit dem Ziel die kleine Insel Brissago zu umrunden und danach mit dem Wind in Rücken zum Hafen von Ascona zurück zu kehren.

Wenn der Wind ein bisschen stärker bläst, hake ich meine Füsse in den in der Mitte des Bootes befestigten Gurt und lehne der Oberkörper aus dem Boot hinaus, um mehr Steigung und Geschwindigkeit zu gewinnen. Ich spüre die zu wenig trainierten Bauchmuskeln schnell aber das ist mir egal und der leichte Schmerz dient als Ansporn und fühlt sich nicht negativ an. Mein Kopf ist wunderbar leer, die Sonne tanzt an der Wasseroberfläche und vergoldet sie mit tausend kleinen Sternchen. Ich segle in der Sonne und obwohl es sich ein bisschen anstrengend anfühlt, ist es ein wunderbares Gefühl der vollständigen Entspannung. In dem Moment kommt links neben mir ein sehr starker Hup-ton und ich merke mit Schrecken, dass ich das Kursschiff nach Italien übersehen hatte. Mein Fehler!! Kursschiffe haben immer Vortritt!! Ich wollte vor ihrer Spitze kreuzen. Das wäre keine gute Idee und meine Versicherung hätte kaum Freude gehabt. Zum Glück ist dank der Aufmerksamkeit des Kapitäns nichts passiert. Die grossen Wellen haben mich durchgeschüttelt und ich musste den Kurs leicht anpassen aber abgesehen von dem Adrenalinschub in meinem Körper, ist es nur eine Randnotiz geblieben.

Das ist die Konsequenz, wenn der Kopf wunderbar leer ist. Es gibt nichts, nur Wind, Wasser und Sonne. Kursschiffe und Probleme haben keinen Platz.

Wenn ich jetzt nach meinem Bauchgefühl entschieden hatte, wäre ich für immer in dieser wunderschönen Ecke der Schweiz geblieben. Ich hätte italienisch gelernt, mir ein kleines Segelboot gekauft und wäre bei jedem guten Wind da draussen auf dem Wasser. Ich hätte dann vielleicht am folgenden Tag einen leichten Muskelkater gehabt und nach ein paar Tagen oder Wochen wären die Muskeln soweit, dass ich nichts mehr gespürt hätte. Anstelle das Boot in einer halbe Stunde aufzustellen, wäre ich routiniert genug, es in 15 Minuten zu machen.

Ich würde viel spazieren, Velo fahren, die Natur bewundern. Ich würde all die ungelesenen Bücher aufnehmen, die sich bei mir stapeln. Ich würde alle Freunde einen nach dem anderen einladen und bis tief in die Nacht mit ihnen über Gott und die Welt diskutieren. Im Sommer würde ich das Locarno Filmfestival besuchen und die besondere Atmosphäre an der Piazza geniessen. Ich würde alle Sonnenuntergänge beobachten, am besten von meinem Stand-up Paddle aus und ich wäre bei Sonnenaufgang im See schwimmen gegangen.

Aber meine Entscheide richten sich selten nach dem Bauchgefühl sondern folgen dem Kopf und der Rationalität. Ich liebe meine herausfordernde intellektuelle Arbeit. Ich liebe Veränderung und Stillstand ist für mich keine Option. Die Veränderung bedingt durch die Digitalisierung nimmt eine atemberaubende Geschwindigkeit auf und kreiert Abläufe, Lösungen und Möglichkeiten, die noch vor zwei bis drei Jahren undenkbar waren. In fünf Jahren wird in meinem Bereich eine neue berufliche Realität entstehen, eine Revolution wird sich vollziehen und das will ich nicht verpassen. Und bei dieser Geschwindigkeit kann man nicht nur mit einem Fuss dabei sein.

Die Zukunft wird zeigen, ob ich besser auf meinen Bauch hören sollte. Heute geniesse ich noch einmal die Kraft des thermischen Windes, die Geschmeidigkeit der Wassers und den Zauber der untergehenden Sonne in meinem kleinen Segelboote. Ab morgen wird es wieder der Kopf sein, der den Takt angibt.

Bildquelle: Katrin Schindler  / pixelio.de

 

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