Michaela Merz

Ich bin wieder gekentert

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324052_web_r_k_b_by_kerstin-littke_pixelio-deDas Bucht ist gross, riesengross. Man braucht einen Feldstecher, um die kleinen Segelboote am Ende der Bucht überhaupt einwandfrei identifizieren zu können. Die farbigen Segel helfen, die weissen Segel vereinen sich farblich mit dem Wasser und verschwinden.

Das Wetter ist heute komisch. Bewölkt und irgendwie düster, aber da das Wetter sehr schnell wechselt, bedeutet es lange nichts. Es windet leicht, vielleicht eher zu wenig. Ich entscheide mich das Trapez gar nicht erst anzuziehen. Dagegen die volle Montur, wie immer wenn ich segeln gehe. Den Neoprenanzug trotz ziemlicher Hitze, Handschuhe, Schuhe und eine Mütze, die ich unter dem Kinn fest binde. Zum Abschluss die Schwimmweste und die Sonnenbrille. Es ist ja wirklich nicht ausgesprochen windig als ich ins Meer steche und die Lagune präsentiert sich bis auf paar vereinsamte Grossboote leer. Ich segle gemütlich los und lasse die Gedanken frei laufen, den Blick auf den Horizont gerichtet. Es ist ein gutes Gefühl der Freiheit und der Selbstbestimmung.

Ich will das Ende der Bucht erreichen, wenden und zurück segeln. Es wird dunkel, aber ich nehme es auf das Konto meiner Sonnenbrille. Als ich mich zum weit entfernten Ufer umdrehe, sehe ich bedrohlich schwarze Wolken, die vom Festland auf das Meer zu und damit in meine Richtung rasen. Ich überlege blitzschnell Alternativen. Die Rückkehr scheint schwierig bis unmöglich. Ein Anlaufen auf dieser Seite der Bucht ist schwierig, da steinig. Ich müsste an ein Sandufer und das ziemlich schnell, weil sollte es ein Gewitter mit Blitz sein, wäre ich ein super Ziel. Der Mast meines Bootes ist aus Metall. Ich hätte kaum eine Chance.

Der Wind nahm zu und raste dem Steinufer entgegen. Es wurde immer dunkler und es begann zu regnen. Und plötzlich kam ein Windstoss, riess mir meine angebundene Mütze fort und in dem Moment der Überraschung und Unaufmerksamkeit beging ich einen Fehler und kenterte. Der Mast des Katamaran neigte sich wie in Zeitlupe zur Seite und ich konnte langsam in das Netz gleiten. Wie es aber passierte, dass mein Boot gekentert ist, habe ich nicht realisiert. Die zwei Schwimmrümpfe ragten aus dem Wasser, aber sonst war von meinem Boot nichts mehr zu sehen. Ich stand bis zu den Knien im Wasser auf dem zwischen dem Rümpfen gespannten Netz und hielt mich fest. Hauptsache beim Boot bleiben.

Es regnete stark und der Regen war kälter als das Meereswasser. Ich sah zwei Yachten paar hundert Meter von mir entfernt und sonst nichts. Ich wusste, dass ich kaum eine Chance hatte, diesen durchgekenterten Riesen selber aufzustellen. Dafür fehlten mir sowohl Kraft, Übung wie auch Erfahrung. Da der Sturm vom Festland kam, nahm ich an, dass der Wind mich auf das offene Meer treiben würde. Ich bekam Angst, weil ob mich dort jemand finden wird, vor allem falls der Sturm über einen längeren Zeitraum dauern und danach von der Dunkelheit abgelöst würde, war für mich sehr fraglich. Ich kletterte auf den Rumpf und begann um Hilfe zu rufen und mit den Händen zu fuchteln. Werden sie mich in einer der Yachten sehen? Und wenn sie mich sehen werden, werden sie helfen? Eine andere Variante gab es zur Zeit nicht. Der Regen steigerte sich und die Dunkelheit wandelte sich in einen milchigen Nebel, der die Sicht immer weiter verschlechterte. In ein paar Augenblicken wird mich dieser weisse Nebel vollständig verschlucken und man wird mich nur finden, wenn man in mich prallt.
Was schiesst mir durch den Kopf? Mein 10-jähriger, der noch vor ein paar Augenblicken am Ufer mit den anderen Kindern spielte und mit mir am Abend zur Thaimassage gehen wollte. Ihm bin ich schuldig, zurückzukommen. Ich rief und wedelte mit den Armen, noch mal und noch mal und vielleicht das tausendste Mal. Und tatsächlich, in dem Augenblick, wo der Nebel so dicht wurde, dass ich die zwei Yachten nicht mehr sah, kam ein Motorboot mit drei Leuten auf mich zu.

Meine Erleichterung war unbeschreiblich. Sie waren gut, erfahren und schnell. Da war der Nebel schon vollständig und wir waren wie eine kleine Insel mittendrin. Der Jüngste von Ihnen sprang ins Wasser, löste das Seil des Grosssegels und gemeinsam stellten sie den Katamaran wieder auf. Der eine segelte ihn zum Ufer zurück und ich fuhr mit den anderen beiden im Motorboot nach.

Trotz Neoprenanzug bekam ich kalt und meine Knie schlotterten. Die Anspannung war weg und mein von Adrenalin vollgepumpter Körper begann zu zittern. Am Ufer wartete mein durchnässter Jüngster auf mich und sagte, dass er sich sehr Sorgen gemacht habe. Ich habe mich nicht getraut, ihm zu sagen, wie viel Sorgen ich mir gemacht habe.

Bildquelle: Kerstin Littke  / pixelio.de

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