Michaela Merz

Mountainbike

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_DSC1773_worked_NikLowKeyWenn das Wetter schön ist, zieht es mich in den Wald hinter dem Haus. Ich setze mich auf mein Velo und geniesse den Duft, die Frische, den Schatten, wie auch die Anstrengung, wenn ich den Berg nach oben stampfe, den “Ritt” von der Bergspitze talwärts, wenn mir der Wind um die Ohren pfeift und ich mit der Geschwindigkeit der nach unten fahrenden Fahrzeuge mithalten kann.

Wenn der Tag anstrengend ist oder der Ärger zu gross, spielt das Wetter überhaupt keine Rolle. Ich muss raus mit den Rennschuhen an den Füssen oder auf mein Mountainbike. Den Berg nach oben, verschwitzt und ausser Puste. Mit jedem Tritt in die Pedale wird der Ärger oder die Frustration kleiner und wenn ich wieder nach Hause komme, bin ich wie neugeboren, ein netter, ausgeglichener Mensch, der die Welt und alle seine Lebewesen wieder schätzt. Ja man kann sagen, die Bewegung ist für mich Psychohygiene, die es braucht um stressige und ärgerliche Ereignisse ohne Schaden verarbeiten zu können. Dazu hat es fantastische Nebeneffekte, die was die Gesundheit betrifft, unbezahlbar sind.

 

Gestern ist so ziemlich alles, was schief gehen konnte, tatsächlich auch schief gelaufen. Damit konnte ich leben, weil das ist eben mein Berufsrisiko. Leider ist auch schief gelaufen, was gemäss Erwartung gar nicht schief laufen konnte. Das war dann wirklich schwer verdaulich. Zuhause angekommen fand ich noch den Brief des Steueramtes, wo offensichtlich war, dass ihre Einschätzung meiner privaten Situation falsch ist und mir ein intensives Arbeitswochenende deswegen bevor steht. Das war der letzte Tropfen. Ich zog meine Sportsachen an und innerhalb von 10 Minuten sass ich auf meinem Velo und strampelte in einem hohen Gang den Berg empor. Es war befreiend und entspannend. Der Ärger und nicht das Red Bull verlieh mir Flügel und demzufolge war ich schnell unterwegs.

Die Steigung, die mir als nächstes bevor stand war lang und anspruchsvoll, aber das machte mir gar nichts aus, da der Pegel an schlechter Energie relativ hoch war und raus musste. Etwa in der Hälfte spürte ich, dass jemand hinter mir fährt. Das habe ich nicht gerne. Ich geniesse es, allein unterwegs zu sein, wenn ich mich von meinem schlechten Mantra befreien muss. Anstelle mich von meinem Ärger zu erholen, bin ich nun unter Druck gekommen. Ich wollte in der Mitte des Berges nicht anhalten, aber ich wollte auch nicht von hinten gehetzt werden. „Warum überholt er mich nicht?“, dachte ich. Der Weg war breit genug, im Wald kein Gegenverkehr. Er überholte nicht, sondern klebte an meinem Hinterrad und ich spürte seine Atmung in meinem Rücken. „Gut“, dachte ich mir, dann gebe ich Gas und werde ihn los. Ich trat in die Pedale und beschleunigte nochmals. Er auch. Er klebte weiterhin an meinem Hinterrad.

Viel mehr lag bei mir nicht drin, aber ich presste es raus. Noch ein bisschen mehr, ganz wenig konnte ich bieten. Ich spurtete nach oben wie wahnsinnig. Auf der Ebene angekommen, war mein Gesicht rot vor Anstrengung. Ich verlangsamte und wurde jetzt überholt. Aber nicht von einer Person, sondern von einer Gruppe von fünf Männern in Trikots des italienischen Teams. Der Erste, der die Gruppe angeführt hatte, hatte schneeweisse Haare und könnte zwischen 60 und 70 Jahren alt sein. Als er mich überholte sagte er “Brava Ragazza” und zwinkerte mir zweideutig zu.

Das hat sich gar nicht wie ein tolles Kompliment angefühlt und ich habe noch einen weiteren grossen Berg gebraucht, diesmal in Alleingang, um mich endlich entspannen zu können.

Bildquelle: www.pascalcorbat.com

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