Michaela Merz

Der Jurist am Steuer

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713346_web_R_B_by_Tim Reckmann_pixelio.deThomas setzte sich hinter das Steuer. Das hatte Margrit nicht gern. Schlussendlich war es ihr Fahrzeug und sie wünschte sich, dass Thomas mindestens fragt. Das tat er aber nie. Thomas war ein Anwalt und was ihn am besten charakterisierte, war die Eigenschaft, dass er fast immer alles besser wusste (oder mindestens meinte es sei so) und dass er immer Recht hatte. Das war für seine Mitmenschen meistens lästig und darum war Margrit eine der wenigen, die Thomas über längere Zeit ertragen konnte.

Das Fahrzeug setzte sich in Bewegung. Die Stadt Zürich ist voll von 30 km/h-Zonen. Margrit machte Thomas darauf aufmerksam, dass er sich mit ihrem Fahrzeug in einer 30 km/h-Zone befindet, aber beinahe 50 km/h auf dem Tachometer hat. Thomas antwortete, dass er es wüsste und nutzlose Informationen brauche er nicht. Er fügte auch noch hinzu, dass er mit dem Verkehrsgesetz bestens vertraut sei und wüsste um wieviel km/h er die angegebene Geschwindigkeit maximal überschreiten kann.

Nach etwa 5 Minuten hielt sie eine blonde, hübsche Polizistin an. Thomas wurde aufgefordert den Fahrausweis und die Fahrzeugpapiere vorzuweisen. Den Fahrausweis konnte Thomas nicht finden. Margrit händigte der Polizistin die Kopie des Fahrzeugausweises aus, die sie auf Anraten von Thomas im Handschuhfach mitführte.

Die Polizistin sagte, dass sie aber das Original des Fahrzeugausweises haben muss. Thomas fragte die Polizistin auf welchen Paragraphen im Gesetz sie sich beruft, weil seines Wissens nach existiert im Gesetz keine Bestimmung, die verlangt das Original mitzuführen. Margrit beobachtete wie sich die Mundfalten der Polizistin leicht vertieften. Es war offensichtlich, dass es Ärger geben würde.

Margrit lächelte die Polizistin entschuldigend an und sagte, dass sie es auf Anraten ihres Vaters tut, wegen eines möglichen Diebstahls des Fahrzeuges, da sie viel unterwegs ist und in komischen Gegenden parkieren muss. Die Polizistin lachte Margrit verstehend an und sagte, dass sie es bei solchen teuren Fahrzeug versteht, das Gesetz verlangt aber Original. Dann ergänzte sie noch, dass sie für dieses Vergehen keine Busse aussprechen wird, sondern nur für die anderen.

Sie verlangte von Thomas 20 Franken für den fehlenden Fahrausweis und 40 Franken nach Abzug der 5 km/h Toleranzgrenze für das Überschreiten der Höchstgeschwindigkeit. Thomas konnte nicht zahlen, da sich herausstellte, dass er nicht nur seinen Fahrausweis, sondern auch sein Portemonnaie vergessen hatte. Margrit zahlte und sagte kein Wort. Eigentlich hatte sie grosse Lust zu schreien und anschliessend Thomas zu bitten ihr Fahrzeug zu verlassen oder einfach weg von Thomas und dem Fahrzeug zu gehen. Sie tat keines von beiden. Thomas und Margrit fuhren weiter.

Thomas hat sich weder bedankt noch entschuldigt. Und Margrit schwieg. Sie wusste, dass wenn sie was sagen würde, wäre ein Streit vorprogrammiert und auf das hatte sie keine Lust. Der Jurist Thomas hat wie so oft wieder gewonnen, der Mensch Thomas hat einen weiteren Punkt verloren.

 

Bildquelle: Tim Reckmann / pixelio.de

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