Michaela Merz

Heimweh

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725911_original_R_K_B_by_Lupo_pixelio.deIch kenne es. Als Kind habe ich grauenhaft darunter gelitten. Das Ritual hat sich jedes Jahr wiederholt. Meine Mutter fragte mich im Winter, ob ich im Sommer ins Kindersommerlager fahren wolle. Ich wollte und sagte ja. Kurz danach begannen mich die Zweifel zu plagen, ob meine Entscheidung richtig war. Ich wusste, ich würde wie jedes Mal Heimweh haben. Ab Februar beschäftigte es mich und mir war beim Gedanken daran unwohl. Ich getraute mich aber nie es meinen Eltern mitzuteilen, da es mir peinlich war. Am Tag vor der Abfahrt war es kaum zu ertragen. Ich überlegte jedes Mal, ob ich eine Krankheit vortäuschen sollte, um nicht fahren zu müssen, aber meistens habe ich mich schon allen für diesen Gedanken geschämt. Von Vorfreude konnte keine Rede sein. Es war der reinste Horror.

Am Tag der Fahrt trat ich die Reise mit schwerem Herzen an. Nein, geweint habe ich nie‎. Weinen in der Öffentlichkeit, das war was für Schwächlinge und zu denen wollte ich nicht dazugehören. Am Tag der Ankunft ging es mir wirklich mies. Ich stellte mir die langen 2 – 3 Wochen in der Fremde vor und mein Energiepegel war bei null. Ich musste damals komisch gewirkt haben. Introvertiert, in mich gekehrt, kaum von aussen zugänglich. Das alles ein Ausdruck von Heimweh. Ab und zu musste ich weinen, heimlich und versteckt. Falls mich jemand entdeckte, hatte ich immer eine Notlüge zur Hand. Der Hammer war mir auf den Finger gefallen oder ich war in die Brennnesseln gefallen und es tat weh. Je länger das Sommerlager dauerte, umso mehr blühte ich auf. In den letzten Tagen hatte ich mich meistens zu einem Wesen versprühender Freude und Energie entwickelt. Ich wusste, ich würde bald daheim sein. Die letzte Woche war darum meistens fabelhaft. Darum ist bei mir immer der Eindruck geblieben, wie toll es war und wenn die Mutter im Winter fragte, ob ich ins Sommerlager gehen will, sagte ich ja. Was ich nie verstand, waren die Kinder, die in der letzten Woche anfingen zu weinen. Gott, sie sind doch in ein paar Tagen zu Hause, warum weinen sie jetzt!!!

Ich lernte, dass es zu einem grossen Teil von einem selber abhängt. Für das eigene Glück ist halt wirklich jeder selber verantwortlich.

Jetzt hat aber mein Kleiner in den kurzen Ferien einen Freund mitgenommen. Und der begann am ersten Abend wegen Heimweh grauenhaft zu heulen. Ich verstand ihn und überlegte wie ich ihm helfen könnte. Und da kam es. Ich erzählte ihnen eine elendslange Geschichte vom Ritter Jaroslav, der so beliebt war, dass ihn deswegen der König fürchtete und ihn dann mit einer eisernen Maske in einer Burg einsperren liess, damit ihm niemand erkennen könnte. Da rechnete er aber nicht mit dessen Frau Kunihunda, die sich verkleidete und nach ihrem Mann suchte. Nach vielen Abenteuern fand sie die Burg, liess sich einen Abdruck des Schlüssels der Gefängniszelle auf die Haut brennen, damit der Schlosser nach dem Muster ein Schlüssel anfertigen konnte und befreite so ihren Mann, mit dem sie dann den König zu Fall brachte.

Die zwei Jungs folgten mir und hingen an meinen Lippen. Solche Geschichten helfen nämlich wunderbar gegen Heimweh. Danach vereinbarten wir, dass wir am nächsten Tag die Burg besichtigen würden, um das alles mit eigenen Augen zu sehen. Das Heimweh war wie weggeblasen.

Nur musste ich mir ab dann jeden Abend eine spannende Geschichte ausdenken, um das Heimweh in Schach zu halten. Und es hat tatsächlich gut funktioniert.

Bildquelle: Lupo / pixelio.de

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