Michaela Merz

Die Geschichte von Robert

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OLYMPUS DIGITAL CAMERARobert war der Eigentümer der alten Schule. Die Traditionen wurden hoch gehalten, für die eigenen Leute hat man immer geschaut, weil Loyalität das oberste Gebot war. Trotzdem oder deswegen war Robert sehr erfolgreich und sein Handelsunternehmen mit Orientierung nach Osteuropa florierte. Robert war überall dabei, mischte sich ein und wollte immer Bescheid wissen. Sein Arbeitstag war selten kürzer als 12 Stunden und Arbeit am Wochenende war keine Ausnahme. Seine Firma war seine Berufung, sein Leben und sein Hobby. Für seine Zwillings Jungs blieb ihm wenig Zeit. In den Ferien war er so gut wie nie mit ihnen.

Robert war mit seinem Leben zufrieden und wollte, dass beide Jungs in die Firma einsteigen und sie übernehmen. Beide Jungs hatten da und dort ausgeholfen, waren mal mit dem Vater zu Verhandlungen nach Moskau oder Warschau geflogen, aber interessiert hat es eigentlich keinen von ihnen. Als Anthony sagte, dass er Germanistik studieren will, war der Vater aus dem Häuschen und weigerte sich so ein brotloses Studium zu finanzieren. Anthony war es egal, er finanzierte sein Studium mit verschiedenen Studentenjobs. Robert Junior interessierte sich für Technik und der Vater war wenig begeistert, aber da Technik in seinen Augen zumindest was sinnvolles war, stimmte er dem Studium zu.

Keiner der Jungs wollte aber nach dem Studium beim Vater einsteigen, auch später nicht. Anthony entwickelte sich zu einem sehr profilierten und anerkannten Wirtschaftsjournalist und Robert Junior wurde Spezialist für Lichtprojekte. Keiner von ihnen wollte die väterliche Firma übernehmen. An dieser Tatsache hatte Robert Senior sehr viel zu kauen. Die Vorstellung, dass sein Lebenswerk nicht in der Familie bleiben sollte, war schlechthin unerträglich. Es dauerte fast 10 Jahre bis er realisierte, dass er sein Lebenswerk einem Fremden verkaufen muss. Schweren Herzens, aber extrem professionell, tat er es mit 82 Jahren und erhielt eine Menge Geld. Aber er begann sich fürchterlich zu langweilen und war für seine Umgebung unerträglich. Jetzt im Oktober war wieder das Reinigen der Dachrinnen angesagt. Die Mutter wollte den Gärtner beauftragen, aber Robert weigerte sich. Er nahm die Leiter und putzte die Dachrinnen. Als er fertig war und nach unten klettern wollte, verlor er das Gleichgewicht und fiel zu Boden.

Seine Verletzungen waren so schwer, dass er nach vier Stunden im Spital verstarb. Seine letzten Gedanken waren aber bei den Dachrinnen. Wenigstens hatte er die Arbeit beenden können.

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