Michaela Merz

Die 6 Toten von der Bushaltestelle

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Alle meine Schulferien verbrachte ich in einem winzigen Dorf an der tschechisch-deutschen Grenze. In dem Dorf waren 3 Häuser ganzjährig bewohnt und 3 während der Sommerferien. In den 3 ganzjährig bewohnten Häusern lebten aber 10 Kinder. Ein kleines Bullerbü. An Spielkameraden hat es mir dort nie gemangelt. Der Rest des Dorfes waren Ruinen. Vor dem 2. Weltkrieg bestand das Dorf aus 36 Häusern, einem Schulhaus und einem Gasthof, in der Umgebung waren vier Mühlen. Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten die Sudetendeutschen weg, das Dorf entleerte sich vollständig und die verlassenen, nicht mehr bewohnten Häuser verfielen.

Wir Kindern spielten darin. Die Eltern hatten wenig bis keine Ahnung was wir dort tun und ich erzählte nichts. Vieles war gefährlich und die Mutter hätte es mir sicher verboten, wenn ich es ihr erzählt hätte. Ich hatte einen Grund zu schweigen. Eines Tages spielten wir Versteckis in einem dieser verlassenen Häuser. Ich kletterte hoch unter das Dach und auf dem Balken kniend und in grosser Dunkelheit schob ich mich so leise wie nur möglich weiter. Plötzlich ein ohrenbetäubender, schmerzerfüllter Schrei, etwas was ich in meinem Leben noch nie gehört hatte und es war so nah und so bedrohlich. Vor Schreck habe ich das Gleichgewicht verloren und es hätte nicht viel gefehlt und ich wäre 3 m tiefer gelandet. Ich lupfte mein Knie und eine Fledermaus, die auf dem Balken schlief und die ich mit meinem Knie eingeklemmt hatte, flog weg.

Das nächste Geschäft war 3 km durch den Wald entfernt. Heute sind 3 km keine Distanz, aber damals war es eine Weltreise. Einmal pro Woche am Mittwoch um 14 Uhr kam “die Fahrende“. Es war ein Bus, umfunktioniert in ein Geschäft, wo man einkaufen konnte. Als der Bus oberhalb des Dorfes ankam, hupte er. Aber es war nicht nötig. Das ganze Dorf war schon versammelt und tauschte alle Neuigkeiten aus. Ab und zu war das Warten lang, da die Fahrende zu spät kam. Dann erzählte der Grossvater, der mit seiner Familie im letzten Haus des Dorfes wohnte und nie Grossvater, sondern nur Alter Vater genannt wurde, dass oberhalb der Strasse, dort wo die Bushaltestelle ist, 6 Soldaten der deutschen Wehrmacht begraben liegen. Sie wurden am Ende des 2. Weltkrieges erschossen und hier im Wald vergraben. Es war eine schaurige Geschichte und ich hatte Angst.

Als wir grösser wurden haben einige erzählt, dass sie versucht hatten, die Toten zu finden. Das Motiv war wenig edel, denn die Toten wurden wegen ihrer Goldringe oder der Schnallen ihrer Militärgürtel gesucht, aber nicht gefunden.

Und jetzt komme ich meine Mutter besuchen und bei der Haltestelle im Wald ist eine riesige Grube. Ich frage was los ist und erfahre, dass ein wissenschaftlicher Dienst hier arbeitet, der Tote aus dem 2. Weltkrieg nach Hause holt. Meine Kindheitsgeschichte hat gestimmt. Die 6 wurden tatsächlich an dem Ort gefunden, den uns der Alte Vater gezeigt hatte. Aber sie konnten nicht einfach so exhumiert werden, da man auf einige Waffen gestossen war und erst ein Bombenexperte kommen musste, um die Sicherheit der Grabenden zu gewährleisten.

Der Rummel ist weg, die 6 zurück in ihrer Heimat. Der Wald oberhalb der Haltestelle sieht fast gleich aus wie immer, nur ein paar fehlende Bäumchen zeigen, wo gegraben wurde.

Haben die 6 dem Dorf Unheil gebracht oder ihre schützende Hand über das Dorf gehalten? Ich weiss es nicht. Die Zukunft wird es zeigen, jetzt wo sie nicht mehr da sind.

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