Leben in Zeiten von Corona XVI

Ich hätte liebend gerne endlich über etwas anderes geschrieben als über Corona aber es geht nicht. Ich fühle mich als ob ich in einem Zug sitzen würde und eigentlich auf den Moment warte, wo ich aussteigen sollte. Der Zug wird immer langsamer und der Ausstieg ist immer noch nicht in Sicht. Es gibt keine Meldung bezüglich einer Verspätung. Aber allen in dem Zug ist klar, dass der Zug schon jetzt eine grosse Verspätung hat. Der Zug kommt zum Stillstand und ich weiss nicht warum. Mitten im Feld.

Aussteigen kann man nicht, man kann nichts machen, nur warten. Eine unendliche Schleife ohne Zeitplan. Der Kontrollverlust ist gross. Man muss sich daran gewöhnen, durch äussere Umstände vollständig eingeschränkt zu werden. Ein Lichtblick? Ja, der fehlt.

Ich versuche die bedrückende Situation mit viel Bewegung wegzubringen. Das wird auch immer schwieriger, denn viele Möglichkeiten werden eine nach der anderen geschlossen. Was bleibt ist die Bewegung draussen. Wir waren Schlittschuhlaufen. Das war großartig, mit der Maske aber sehr anspruchsvoll. Meine Brille haben sich immer beschlagen und ich sah nicht mal wohin ich fuhr. Unter der Maske verwandelt sich die warme Luft, die ich bei schneller Bewegung ausatme in Flüssigkeit und die rinnt mir die Backen runter. Zu Schwitzen bin ich mir beim Sport gewohnt. Aber dieses «unter der Maske schwitzen» ist sehr gewöhnungsbedürftig. Aber ich beklage mich nicht. Lieber so als gar nichts. Lieber kleine Freiheiten als gar keine. Was bleibt ist das Rennen früh am Morgen in der Dunkelheit und Kälte, ohne Maske, wenn alle noch schlafen. Einen Teil des Stresses und Druck bringe ich so weg. Nach dem Duschen setze mich vor den Computer und verbinde mich mit der gesamten Welt und allen Kontinenten. Via Google, Skype, Zoom, Teams und wie alle die Systeme heissen, bekomme ich jeden Tag die neusten Informationen aus New York, London, Moscow etc. mit. Ich muss nicht mal die Nachrichten schauen, die Arbeitskollegen erzählen mir in einer kurzen Zusammenfassung das wichtigste.

Die Geschichte, die mir erzählt wurde, will ich mit euch teilen. Kevin geht in die 3. Klass. Er ist nach Hause gekommen mit Schmerzen und erhöhter Temperatur. Der Arzt hat Corona diagnostiziert. Der Rest der Familie liess sich ebenfalls testen. John, der Bruder von Kevin, wie auch sein Vater Paul waren negative. Die Mutter Susanne war positiv, hatte jedoch gar keine Beschwerden. Alle mussten sich in Quarantäne begeben, Kevin und Susanne mussten sich isolieren. Kevin ist es schon nach 2 Tagen wieder gut gegangen.

Gleichzeitig wurden beide Eltern von Susanne positive getestet und dem Vater ist es innerhalb von kürzester Zeit sehr schlecht gegangen. Je besser es Kevin ging, umso schlechter ging es dem Vater von Susanne. Nach 2 Tagen musste er ins Spital auf die Intensivstation eingeliefert und dort beatmet werden. Susanne durfte ihn wegen seiner Erkrankung nicht besuchen. Am 4. Tage haben die Ärzte Susanne angerufen und ihr gesagt, dass sie denken, dass sie für ihren Vater nichts mehr machen können und dass ihn nur Stunden von dem Tod trennen. Susanne war wie gelähmt aber nur für ein ganz kurzen Moment. Sie wollte sich von ihrem Vater verabschieden, ihn in den letzten Stunden begleiten. Sie wollte neben ihm sein, wenn er seine letzten Atemzüge machen würde. Sie wollte ihm die Hand halten, ihn umarmen, ihm den letzten Kuss geben, ihm sagen wie unendlich lieb sie ihn hat. Nichts davon konnte sie machen. Das Spital war kurz und unmissverständlich. Besuche ausgeschlossen und nicht möglich. Das Maximum was sie für Susanne machen konnten, war den Hörer des Telefons ans Ohr des Vaters zu halten. Susanne sprach zu ihrem Vater und die Tränen liefen ihr wie grossen Erbsen über die Wange, aber sie versuchte sie um jeden Preis zu unterdrücken. Einfach nur lautloses weinen. Susanne war sich nicht sicher ob der Vater etwas von ihren Worten verstanden hatte und sie selber konnte nur die Beatmungsmaschine hören. Als das Gespräche beendet war, ist sie zusammengerollt am Boden gelegen und hat geweint bis sie nicht mehr konnte, bis es keine mehr Tränen gab.

Ich nehme an, dass wir das Corona Virus in der Zukunft mit der Impfung in Schach halten können. Werden aber solche Schmerzen wie sie Susanne ein Leben lang in sich tragen wird je geheilt werden können?

Image source: http://unsplash.com

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