Michaela Merz

Kann man wirklich alles haben?

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Susanne ist als junge Frau in die Politik eingestiegen. Sie war eine Ausnahmeerscheinung. Hübsch, klug, nett, kaum volljährig, hohe moralische Anforderungen für die Menschen um sie herum und vor allem an sich selber. Es gab keine Sitzung, zu der sie unvorbereitet erschien. Es gab kein Thema, in die sie nicht bereit war sich reinzuknien und es zu verstehen. Es waren unendliche Stunden, die sie in die Parteiarbeit eingesteckt hatte. Fünf Abende pro Woche auswärts waren keine Seltenheit.

Zu gleichen Zeit bereitete sie sich auf ihre Prüfungen an der Universität vor. Die übrige Zeit verbrachte sie mit ihrem Freund, mit dem sie vor zwei Jahren zusammengezogen sind. Sie war sehr dankbar für die finanzielle Unterstützung von ihm und von ihren Eltern, weil sie sich sonst noch eine Stelle suchen musste. Das wäre sicher kein Problem, aber dann wäre keine Zeit mehr übrig. Sie freute sich sehr, wenn das Studium zu Ende sein wird und sie zu arbeiten beginnt. Sie erhoffte sich mehr Freiheiten.

Umso grosser war ihre Überraschung als sie ihre erste Stelle antrat. Am Anfang war es anspruchsvoll, da sie sehr viel Neues lernen musste. Erst etwa nach einem halben Jahr gewann sie mehr Freiheit. Aber dann starteten neuen Projekte und die Anzahl ihrer Überstunden ist massiv gestiegen. Gleichzeitig näherten sich die Wahlen und Susanne war jede freie Minute unterwegs um die Leute über ihre Qualitäten zu überzeugen. Ihr Freund sah sie nur kurz und meistens war sie so erschöpft, dass sie gleich eingeschlafen ist.

Der Einsatz lohnte sich. Ihre Kariere bewegte sich vorwärts und gleichzeitig wurde sie in Gemeinderat gewählt. Dann begannen ihre Freundinnen und Kolleginnen sie zu informieren, dass sie dabei sind eine Familie zu gründen und in sechs, sieben Monaten ein Kind haben werden. Als sie die erste Geburtsanzeige aus ihrem Briefkasten fischte und auf Facebook alle die neue Babygesichter auftauchen, begann sie zu grübeln. Will sie auch ein Kind? Jetzt oder später? Lässt es sich mit ihrer Arbeit und dem Politisieren vereinbaren? Sie dachte, jetzt hat sie noch Zeit. Ein Kind kann noch warten.

In der nächsten Wahlperiode schaffte sie es in den Kantonsrat. Und ihr Briefkasten füllte sich mit Anzeigen für das zweite Kind ihrer Freundinnen. Susanne dachte: «Ein Kind kann noch warten». In der Arbeit leitete sie die Gruppe und als Politikerin bekam sie ein klares Profil. Dann fragte sie eine Kollegin, ob sie sich schon mal überlegt hatte, für den Nationalrat zu kandidieren. Nein, das hat Susanne nicht gemacht aber jetzt begann sie darüber nachzudenken.

Susanne begann schlecht zu schlafen. Kann sie das alles wirklich haben? Eine Familie mit 1 oder 2 Kindern, eine berufliche Kariere wo Überstunden vorausgesetzt werden und eine politische Kariere mit vielen Veranstaltungen und täglichen Reisen nach Bern? Sie war sich nicht sicher aber dachte, wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Und eines Tages kam sie von einem Parteitag nach Hause und stellte fest, dass die Sache von ihrem Freund verschwunden sind. Sie rief ihn an und er sagte ihr, dass er ausgezogen ist. Er will eine Familie und für das hat Susanne keine Zeit. Er kann sich ein Leben ohne Kinder nicht vorstellen. Susanne wollte ihn überzeugen, dass sie darüber sprechen können. Aber für ihm war es zu spät.

In dem Moment verstand Susanne, dass man nicht immer alles haben kann.

https://www.watson.ch/schweiz/gleichstellung/595210921-fdp-nationalraetin-doris-fiala-stoesst-nach-aussage-im-srf-auf-kritik

Bildquellen: Unsplash.com (Titelbild), SRF Rundschau (Diagramme)

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