Michaela Merz

Der kleine Junge aus Oerlikon

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Es war ein unglaublich schöner, warmer Nachmittag im späten Mai. Ich bin langsam zu Fuss nach Hause gegangen. Ein Luxus. Normalerweise hetze ich, um rechtzeitig zu Hause zu sein, aber heute war mein Jüngster mit Kollegen schwimmen und ich wusste er kommt spät. Ich musste mich nicht beeilen. Es wartete niemand auf mich.

Ich überquerte den Marktplatz und beobachtete die blühenden Bäume in ihrer unglaublichen Pracht. Die Luft roch nach einer Mischung aus Lindenblüten, Gräsern und leicht süsslich. Es war überhaupt nicht penetrant sondern einladend und besänftigend. Meine Seele und mein Körper waren in wunderbarem Einklang und ich genoss den Augenblick der Unbeschwertheit.

In diese einzigartige Harmonie drang plötzlich eine schimpfende kindliche Stimme. Der Ton war belehrend, herrisch und fast aggressiv. Die Worte waren grob, verletzend und teilweise sogar vulgär.

Es störte mich. Ich drehte mich, um die Quelle der Aggression zu identifizieren. Sehr schnell sah ich links von mir einen etwa 12 jährigen Jungen. Er war gross und füllig. Sein Bäuchlein, das unter dem T Shirt vorquellte, verriet seine Schwäche für zu viel (oder falsches) Essen. Er fuhr auf dem Trottinette neben eine jungen Frau, Mitte zwanzig, die ein Baby im Kinderwagen stiess. Die Frau trug ein Kopftuch und während der Junge mit seinen Worten auf sie eindrosch, konnte man beobachten, wie sie ihren Kopf immer tiefer zwischen ihre Schultern senkte. Sie wirkte verunsichert und unglücklich. Ich verstand nicht alles, was der Junge sagte, eigentlich waren nur die Schimpfworte auf Schweizerdeutsch, der Rest war in einer mir unbekannten Sprache. Der Junge erhöhte noch einmal seine Stimme und die junge Frau sah so aus, als ob sie jede Minute in Tränen ausbrechen könnte. Aber das Baby, vielleicht im Schlaf gestört durch die Stimme des Jungen, begann zu weinen. Sie versuchte das Kind zu beruhigen, aber das war ein schwieriges Vorhaben, weil der Junge mit dem Brüllen gar nicht aufhörte.

Es wäre vielleicht besser gewesen, sich nicht einzumischen, aber ich konnte einfach nicht schweigen. Ich drehte mich zu ihm und sagte laut:
“Wäre nicht besser, wenn du ein bisschen leiser und netter wärest? Dann könnte das Baby vielleicht wieder einschlafen“ ergänzte ich.
Sowohl er wie auch die junge Frau schauten mich erstaunt an. In ihrem Blick war etwas Sanftes und Dankbares, bei ihm war nur Ärger zu sehen.
Eine Weile lang schwieg er und wahrscheinlich überlegte er, was er mir antworten sollte.
Dann sagte er: “Das geht sie nichts an. Das ist die Frau meines Bruders und wenn er nicht da ist, muss ich auf sie aufpassen. Wenn sie sich so doof benimmt wie vorhin, muss ich es stoppen.”

Jetzt war ich überrascht. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, was eine zierliche junge Mutter mitten un Oerlikon Unanständiges machen könnte, das rechtfertigen würde, dass sie ein 12 Jähriger mit den wüstesten Schimpfwörtern beschimpfen konnte.

Ich war mir bewusst, dass egal was ich jetzt sagen würde, sich die Lage nicht nachhaltig ändern wird, aber ich wollte nicht, dass er in seiner siegessicheren Arroganz badet und die junge Frau weiter quält.

“Weisst du, da bin ich mir gar nicht sicher, ob du Recht hast. Es geht gar nicht um sie sondern um dich. Wenn die Kinderschutzbehörde mitbekommt, wie du schimpfst und mit ihr schlecht umgehst, könnten sie dich in ein Erziehungsheim stecken. Aber vielleicht ist dir das egal”, ergänzte ich.

Er schaute mich mit gerunzelter Stirn an, aber er war offensichtlich verunsichert. Er sagte nichts, ich bekam von ihm nur eine verachtende Kopfbewegung.

Er sagte etwas, was ich nicht verstand zu der jungen Frau und dann sind weiter gegangen. Er schimpfte nicht mehr und wurde still. Das Baby hörte auf zu weinen.
Vielleicht habe ich der Frau nur eine kleine Verschnaufpause verschafft, aber das war es mir wert.

Bildquelle: Gisela Peter / pixelio.de

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