Michaela Merz

Béjart – Le Mandarin merveilleux – Sexualkundeunterricht in Kunst und Alltag

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Das Béjart Ballett war in der Stadt. Das ist ein Erlebnis, dass ich mir nie entgehen lasse. Béjart sprengt den Rahmen des zu Erwartenden und schafft es jedes Mal wieder, mich zu überraschen. Es ist wie die Begegnung mit einer anderen Dimension. Es ist die Perfektion, es ist das allumfassende Gesamtkunstwerk, die Umsetzung der Musik und der Bewegung, die mich anziehen.

Ich nahm meinen Jüngsten (10 Jahre alt) mit. Und seien wir ehrlich, ich war mir nicht sicher, wie das ankommt. Es begann mit Musik von Bela Bartok und die ist nicht gerade einfache Kost und jedermanns Liebling.

Le Mandarin merveilleux ist ein düsteres Stück, das Béjart im Jahre 1992 schuf, als sein Startänzer Jorge Donn im Sterben lag. In seinen Memoiren schrieb Béjart dazu:” Ich schuf Werke, als ob das Kreieren irgendeine Macht über den Tod hätte. Ich häufte neue Stücke an, um Donn vor dem Tod zu retten.”

Die getanzte Geschichte ist brutal. Eine Prostituierte lockt Opfer für eine Verbrecherbande an. Die Männer wurden durch deren Reize angezogen, anschliessend überfallen und beraubt. Das dritte Opfer, ein Mandarin, wird ermordet. Die tänzerische Umsetzung war so intensiv, dass man nicht nur ein Tanzstück sah, sondern mitten drin in einer brutalen Geschichte war und mit den Opfern litt. Die Intensität war so stark, dass ich bemerkte, dass mein Jüngster den Kopf wegdrehte, um nicht hinschauen zu müssen. Nach  wenigen Sekunden aber, schaute er wieder, weil er nicht wirklich etwas verpassen wollte.  Die Szenen, wo die Prostituierte ihre Opfer verführte, ekelten meinen Jüngsten an und bei solchen Bildern steckte er seinen Kopf in die Hände. Was für ein glückliches Alter, wo man bei einem Kuss wegschaut.

Der Tanz und die Musik waren so ineinander verwoben, dass ich, wenn ich in der Zukunft dieses Stück hören werde, immer die Tänzer vor mir sehen werde. Es kam noch Stück mit Chansons und Bildern von Edith Piaf und „Tombées de la dernière pluie“ von Franz Schubert mit Percussion. Der ganze Nachmittag war gelungen, hervorragend und hat die hohen Erwartungen übertroffen.

 

 

Wir verliessen das Theater 11 nur ungern, sattelten unsere Trottinettes (In der Stadt sind wir zwei immer damit unterwegs) und machten uns auf den Weg nach Hause. Nun fand aber in der Messe Oerlikon neben dem Theater 11 die Erotikmesse statt und wir begegneten zwei jungen Damen, die durch ihre Aufmachung wesentlich anrüchiger aussahen, als die Prostituierten im Bejart-Stück. Mein Jüngster schaute sie verdutzt und mit Missbilligung an. Wir fuhren am Eingang der Erotikmasse vorbei und entdeckten einen jungen Mann mit einem selber gebastelten Plakat auf einem Stück Karton. Rund um ihn ein paar junge Leute, die leidenschaftlich mit ihm diskutierten. Der junge Mann vertrat die Meinung, dass es vor der Ehe keinen Sex geben sollte und die Erotikmesse die Würde der Frau herabsetzt. Die Gruppe tauschte mit Vehemenz ihre unterschiedliche Meinung aus.

Ich glaube nicht, dass mein Jüngster alles verstand. Er hörte zu, teilweise missbilligend, teilweise mit gross geöffneten Augen. Es war quasi Sexualunterricht im realen Leben, im Alltag. Unterwegs nach Hause haben wir diskutiert. Wie die Musik von Bela Bartok kein einfaches Thema. Ich denke wir werden noch einige Diskussionen brauchen. Wozu das Ballett gut sein kann!! Ohne den Besuch hätten wir kaum so eine ausgiebige Unterhaltung gehabt.
Bildquelle: G. Batardon

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