Michaela Merz

Die glückliche Kindheit

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Eugen wird 80 Jahre alt. Etwa einmal pro Jahr gehen wir zusammen Bier trinken. Respektive Eugen trinkt Bier und ich etwas Komisches wie Eugen meine nicht-alkoholischen Getränke nennt.

Eugen kennt mich seit meiner Kindheit und ich fand es mit ihm immer lustig. Auf die Abende mit ihm freue ich mich. Gestern sprachen wir über das Leben und plötzlich begann Eugen über seine Kindheit zu reden. Er hat mir schon ab und zu von seinem Vater erzählt, der kurz nach zweitem Weltkrieg an Tuberkulose starb. Ich kannte seinen Stiefvater, der ihn grossgezogen hatte und auch seine Mutter. Diese sind jedoch alle längst tot und nur paar schwarz-weiss Fotos können sie denen in Erinnerung rufen, die sie nie trafen.

Gestern hat Eugen davon erzählt, dass sie 14 Jahre lang alle drei gemeinsam, die Eltern und er, in einem kleinen Zimmer gelebt hatten. Es gab dort ein Ehebett, ein Schlafsofa, einen Tisch, Schränke und eine kleine Küche. Solange Eugen ein kleiner Bub war, schlief er auf dem Sofa. Da er aber über 180 cm gross ist, passte er dort seit der Pubertät nicht mehr hinein. Da die Eltern im Schichtbetrieb arbeiteten, tauschten sie. Eugen durfte quer im Ehebett schlafen und die beiden Eltern, die sehr klein waren, übernahmen das Sofa. Meistens schlief dort nur einer von ihnen, da der andere in Nachtschicht arbeitete.

Das Haus war nicht wirklich isoliert und die Zimmer warm zu halten, war nur durch ständiges heizen möglich. Da der Ofen in der Nacht erlosch, war es jeden Morgen bitterkalt. Die Mutter schob Eugen seine Kleider unter die Decke, damit er sich nicht im kalten Raum kalte Kleider anziehen musste. Auch die Grossmutter lebte mit ihnen. Sie ging zur Arbeit, nach der Arbeit kam sie und ass bei ihnen. Sie sass auf dem Sofa, auf dem Eugen schlief und las mit dem Vergrösserungsglas die Zeitung. Zum Schlafen ging sie in ihren Raum im Untergeschoss, der feucht war und ungeheizt.

Gewaschen hat man sich im Lavabo in der Küche. Fliessendes kaltes Wasser gab es auch. Um den Komfort der Familie zu verbessern, verlegte Eugens Vater ein Metallrohr, welches das Wasser aus dem Haus in den Kanal auf der Strasse führte. Wenn es zu kalt war, fror das Wasser im Rohr zu Eis und der Abfluss wurde blockiert. Dann musste Eugens Vater das Rohr abmontieren, es in die Küche in die Wärme bringen und warten bis die physikalischen Gesetze es vom Eis befreiten.

Beide Eltern von Eugen waren Arbeiter, liebevoll und rücksichtsvoll und wie so viele Eltern wollten sie nur das Beste für ihren Sohn. Eugen hat die Matura gemacht und seine Eltern waren sehr stolz auf ihm. Geld war aber immer knapp und neue Kleider hatte Eugen nie. Für seine lumpigen Kleider hat er sich in Pubertät sehr geschämt.

Ich fragte Eugen, als ich ihm faszinierend zuhörte, ob seine nicht ganz einfache Kindheit glücklich war. Und er antwortet ganz kurz: Sehr GLÜCKLICH!

Bildquelle: Dieter Schütz / pixelio.de

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