Michaela Merz

Der Diebstahl

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wollmutzeKlara stand auf dem Bahnhofsteg und wartete auf den nächsten Zug. Wie so oft in letzter Zeit vertrieb sie sich die Zeit mit Snapchat. Sie hielt ihr Telefon hoch, so dass es aussah, als würde sie die Umgebung filmen. Von dem nächsten Bahnhofsteg wurde sie durch tiefen Graben und zwei Gleise getrennt. Der Bahnhofssteg war fast menschenleer. Weit entfernt stand ein Mann und musterte Klara mit mürrischem Blick.

“Hey du“, rief er in ihre Richtung. „Was machst du da? Hör auf zu filmen”.

Klara war viel zu beschäftigt mit sich selber, um seine Worte wahr zu nehmen. Da setzte er sich in Bewegung, sprang in den Graben zwischen den Gleisen, überquerte die Gleise und hob sich auf dem Bahnsteig, wo Klara stand. Er riss ihr das Mobiltelefon aus der Hand und als sie die Hand nach ihm austreckte, schubste er sie mit voller Kraft zurück. Nur mit grosser Mühe hat es Klara geschafft, sich auf den Beinen zu halten und nicht umzufallen.

Weit kam er nicht. Der Bahnhof war Video überwacht und die ganze Szene wurde auf dem Polizeiposten mitverfolgt. Da in der Nähe eine mobile Einheit unterwegs war, wurde er geschnappt noch bevor er den Bahnhof verlassen konnte. Klara erhielt ihr Telefon zurück und der Mann wurde abgeführt. Klara zitterte am ganzen Körper und es fiel ihr schwer sich zu beruhigen. Wie aus dem Nichts tauchte eine Kindheitserinnerung aus längst vergessenen Tagen auf.

Es war Winter und sie war mit der Klasse nach dem Schwimmunterricht mit dem Bus gefahren. Da sie es nie wirklich schaffte, ihre langen Haare zu trocknen, trug sie eine sehr farbige Mutze, die ihre Grossmutter für Sie gestrickt hat. Die Mütze war das letzte, das die Grossmutter anfertigte, bevor sie an Weihnachten zwei Monate vorher, plötzlich starb. Klara vermisste ihre Grossmutter sehr. Niemand hat sie so verstanden wie ihre geliebte Grossmutter.

Der Bus stand in der Station und viele Leute stiegen ein. Ein junger Mann, dem sie bis anhin keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte, riss Klara die Mutze vom Kopf und kurz bevor die Tür sich schloss, sprang er hinaus. Der Bus setzte sich in Bewegung und Klaras Mütze war weg.

Diese Geschichte, die vor 10 Jahren passierte, war plötzlich so präsent als wäre es gerade erst geschehen. Klara begann zu weinen und ihre Tränen galten der eigenen Ohnmacht, aber auch dem Verlust der Mütze, und schlussendlich dem Verlust der geliebten Grossmutter. Als die Tränen getrocknet waren, ging es ihr wieder besser.

Bildquelle:  S. Hofschlaeger  / pixelio.de

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