Michaela Merz

Der goldene Käfig

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PwC_fl_30mmh_cClaude und Lisa haben beide studiert. Eigentlich war Lisa die Klügere von beiden. Das war in den Seminaren, die sie beide besuchten, wie auch am Notendurchsicht klar zu erkennen. Beide waren nicht nur klug sondern auch gutaussehend und kamen aus gutbürgerlichen mittelständischen Familien. Das Schicksal hat sie auf die sonnige Seite des Lebens gestellt.

Es hat dann nicht wirklich jemanden überrascht als sie kurz nach Abschluss der Universität ihre Hochzeit angekündigt hatten. Man hat gemeinsam gefeiert und sich über ihr überschaubares aber offensichtliches Glück gefreut. Beide fingen ihre erste Stelle an und kamen gut voran.

Dann würde Lisa schwanger und ich wusste nie ob es geplant oder ungewollt war. So eine Frage traute ich mich Lisa aber nicht zu stellen, da sie sicher darüber erbost wäre. Sie tat doch immer nur das richtige in ihrem Leben und ungewollte Schwangerschaft wäre wohl für sie wahrscheinlich nicht das wirklich “korrekte”. Lisa entschied sich zu Hause zu bleiben. ”Das Kind braucht die Mutter“ pflegte sie zu sagen und schaute mich vorwurfsvoll an, da ich meine Kinder bei der Tagesmutter abgab und weiterhin berufstätig blieb.

Claude machte zwischenzeitlich und zwar wesentlich schneller als ich eine traumhafte Karriere und verdiente bald so viel Geld, dass sie in die Liga der Grossverdiener aufstiegen. Lisa gebar noch zwei weitere Kindern (wie ich), umreiste mit der ganze Familie den Globus (wohingegen ich in die Sommerferien zu meinen Eltern fuhr) und baute eine in einem kräftezehrenden 3-jährigem Bauprozess eine Villa zu einem eleganten Bijou mit Blick auf den See um. Ich hatte es knapp geschafft mit Hilfe meiner Tante meine Ersparnisse als minimales Eigenkapital für den Kauf eines Reiheneinfamilienhauses auf dem Land ohne S-Bahn Anschluss zusammen zu kratzen.

Lisa hatte von aussen her betrachtet so ziemlich alles, was sich ein Mensch wünschen kann. Drei tolle Kinder, einen erfolgreichen Mann, der sie aus Liebe geheiratet hatte, viel Geld. Nur hatte ich immer weniger das Gefühl, dass sie wirklich glücklich und zufrieden ist. Durch das viele Geld wurde sie abgehoben. Ich war knapp ok aber zu schräg um noch Freundin genannt zu werden. Ich beobachtete aber wie ihre Beziehung zu Claude immer blutleerer, distanzierter und unerfreulicher würde. Lisa selber wurde zu einer elitären, nie zufriedenen Dame, mit der ich immer weniger gemeinsam hatte.

Das ist so Jahre gegangen und ich fragte mich, wie sie es in ihrem goldenen Käfig nur aushielt. Bis eines Tages Claude seine Sachen packte zu einer lebensfrohen und nicht einmal viel jüngeren Frau zog. Für Lisa ist eine Welt zusammen gebrochen.

Zuerst war sie wütend und wie eine Furie. Sie hat Claude mit dem Schlimmsten gedroht inklusive “ihn bis auf das letzte Hemd auszuziehen. Dann verfiel sie in unendliche Trauer und weinte unterbrochen. Es war zu spät und es liess sich nicht mehr flicken. Claude war glücklich und damit endgültig weg.

Heute hat Lisa eine zusätzliche Ausbildung gemacht, im Beruf Fuss gefasst und ist in eine kleinere Wohnung Mitten in der Stadt gezogen. Sie ist wieder wie damals an der Uni. Aufgestellt, aufgeschlossen, zwar immer noch ein bisschen zugeknöpft aber vor allem wieder glücklich.

Bildquelle: Marlies Siegert  / pixelio.de

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