Michaela Merz

Trinkgeld in New York

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310673_web_R_by_Jens Kühnemund_pixelio.deEs ist nicht einfach, sich im Trinkgelddschungel von New York aus zu kennen. Ich als Europäerin bin in dem Verständnis aufgewachsen, dass wenn man eine gute Dienstleistung bekommt, gibt es ein Trinkgeld, quasi als Anerkennung für die Anstrengung. Wenn es ein miese Bedienung gibt und dazu noch ungeniessbares Essen, gibt es eben nichts.

 

Mit diesem Verständnis kommt man in New York nicht weit. Respektive vielleicht kommt man weit aber man provoziert einige unangenehme Erlebnisse, man wird beschimpft und bedroht und fühlt sich mies. Ich weiss heute immer noch nicht, ob meine Wahrnehmung stimmt, aber durch Beobachtung der Einheimischen habe ich mir meine Trinkgeld Strategie entwickelt.

New York ist teuer, sehr teuer. Die Löhne in der Dienstleistungsbranche sind tief, sehr tief und reichen nicht, um die Lebenskosten zu decken, trotz der zwei oder drei Jobs, die man dort hat. Darum ist das Trinkgeld eigentlich Bestandteil des Lohnes und wenn man es nicht bekommt, fehlt es spürbar. Mit der Qualität der Leistung hat das Trinkgeld so gut wie nichts zu tun. Für europäische Verhältnisse ist die Höhe des Trinkgeldes erschreckend. Man bewegt sich in luftigen Höhen zwischen 15 und 30%. Wahnsinn!

Im Restaurant, beim Taxifahrer, beim Coiffeur gibt es diesen Betrag zusätzlich. Kleine Trinkgelder fallen auch an für den Portier, bei der Kofferaufbewahrung, bei Lieferungen usw. Das Ganze ist undurchsichtig und fühlt sich komisch an. Viel lieber wäre es mir, wenn alles in Preis inbegriffen wäre. Das ist in New York sowieso ein Mysterium, weil wenn man etwas kauft, kostet es nie so viel wie es ausgeschrieben war (ausser am Flughafen), da noch verschiedenste Steuern und Gebühren zusätzlich zum Preis zu bezahlen sind.

Heute habe ich langsam das Gefühl, dass ich beginne das System zu verstehen. Aber meine Erkenntnisse wurden völlig auf den Kopf gestellt, als ich von JFK Flughafen mit dem Taxi in die City gefahren bin. Da gibt es feste Preise, die auf dem Taxi angeschrieben sind. Da das Fahrzeug dreckig war, der Fahrer unfreundlich und er fast während der ganzen Fahrt telefoniert hat, habe ich ihm nur 5 Dollar Trinkgeld gegeben. Aber meine Tür blieb verschlossen und ich konnte sie auch nicht selbst öffnen. Mein Fahrer sagte ziemlich energisch, dass das Trinkgeld zu wenig ist und ich mehr geben sollte. Ich dachte, ich habe ihn sicher nicht richtig verstanden aber er wiederholte seine Forderung.

Wären wir in einer menschenleeren Gasse gewesen, hätte ich vielleicht nachgegeben. Am Grand Central auf einer Strasse voller Leute aber habe ich Nein gesagt, weil ich es als Frechheit empfunden habe. Wir blieben im Auto sitzen, er wiederholte, dass es wenig sei. Ich blieb hart, war aber gespannt, wie es ausgehen würde. Plötzlich dann hat er aufgegeben, ist aus dem Fahrzeug ausgestiegen und meine Tür liess sich öffnen. Ich erwartete noch Schwierigkeiten mit der Aushändigung meines Koffers, aber nichts dergleichen passierte. Er war höflich und lachte mich sogar an.

Ich verstand der Welt nicht mehr. Aber es ist wie es ist. Es gibt kulturelle Unterschiede und wenn man diese nicht kennt, sind Überraschungen vorprogrammiert. Welcome to New York, der Stadt der horrenden Trinkgelder.

Bildquelle: Jens Kühnemund  / pixelio.de

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