Michaela Merz

Agave

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AgaveNach ihrem Studium als Lehrerin trat Kim ihre erste Stelle als Mathematiklehrerin an der internationalen Schule an. Das war vor 56 Jahren. Ein Jahr später heiratete sie Arni. Als Hochzeitsgeschenk schenkte ihr eine ihrer Schülerinnen einen Setzling einer witzig kleinen Agave, den sie von einer Reise nach Portugal mitgebracht hatte. Kims Interesse an Pflanzen war sehr begrenzt, aber sie freute sich über das Geschenk. Umso grösser war die Begeisterung von Arni, der Gartenarbeit liebte und sich auch um die Hauspflanzen kümmerte.

Die Agave stand jahrelang in einem kleinen Topf im gemeinsamen Schlafzimmer und war stumme Zeugin aller Entwicklungen in ihrer Ehe.

Nach aussen hin war die Ehe über all die Jahre hinweg vorbildlich und zufrieden. Im Inneren war sie aber nach 2 Jahrzehnten verstummt und führte nur mehr zu gegenseitigen Verletzungen. Aber in der Zwischenzeit waren Kinder dazu gekommen und die Ehe hielt dank der Kinder zusammen. Irgendwann waren die Sprachlosigkeit und der Schmerz nicht mehr zu ertragen. ‎Kim und Arni trennten sich und verteilten das über die Jahre angesammelte Vermögen. Kim wollte die inzwischen gewachsene Agave nicht, da sie nicht täglich eine Erinnerung an ihre Hochzeit sehen wollte. Arni brachte es nicht übers Herz die Pflanze zu entsorgen und behielt sie. Er topfte sie um. Das bescherte ihr unerwartet Raum und die Agave begann kräftig zu wachsen. Sie wurde grösser und grösser und Arni machte noch einmal einen Fehler, als er sie in einen noch grösseren Topf umsetzte. Mittlerweile war sie so schwer und gross, dass sie zu bewegen zu einem logistischen Unterfangen wurde. Im Sommer stand sie ohne jegliche Pflege im Garten, aber im Winter musste sie rein. Und das wurde zu einem grossen Problem. Sie passte nicht mehr in die kleine 1-Zimmer Wohnung, die Arni nach der Scheidung bezogen hatte. Sie passte leider auch nicht in die Gemeinschaftsräumlichkeiten des Mehrfamilienhauses, wo Arni seine kleine Wohnung hatte. Ende Sommer begann Arni schweren Herzens ein neues Zuhause für die Agave zu suchen. Es war schwerer als gedacht. Niemand wollte diese grossgewachsene stechende Pflanze, die 100 Jahre leben kann. Arni fragte überall, sogar im botanischen und zoologischen Garten, er gab Anzeigen auf, aber es meldete sich niemand. Er war verzweifelt. Bis er eines Tages an dem Gebäude vorbei ging, wo er 55 Jahren zuvor geheiratet hatte. Das Gebäude wurde gerade renoviert und die Eröffnung war in ein paar Wochen. Arni fragte dort und zu seiner Überraschung bekam er eine Zusage. Zwei Wochen spätere zügelte er seine Agave das letzte Mal. Er war froh ein neues Heim für die Agave gefunden zu haben, aber gleichzeitig war ihm ein bisschen mulmig. Diese Pflanze hatte ihn 55 Jahre begleitet, die Mehrheit seines Erwachsenenlebens. Ein letzter Blick, ein letzter Blick und die Hoffnung, dass gut zu ihr geschaut werden würde. Die Liebe, die sie aber von ihm bekommen hatte, würde sie wahrscheinlich nie mehr bekommen.‎

Bildquelle: Erich Westendarp  / pixelio.de

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