Michaela Merz

Die Geschichte von Erika

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OLYMPUS DIGITAL CAMERAErika war 14 als die Nazis sie und ihre Familie 1942 in das Warschauer Ghetto brachten. Sie hatte langes, blondgelocktes Haar, einen viel zu ernsten Ausdruck und einen unbegrenzten Überlebenswillen.‎ Sie war klein und sehr zierlich, man hätte sie ohne Weiteres vier Jahre jünger schätzen können.

Die Familie hatte geahnt, dass dieser Tag kommen könnte. Sie hatten abgemacht, dass egal was passiert, sie sich nach Ende des Krieges im Haus des ältesten Bruder des Vaters treffen werden. Erika erzählte, dass ein paar Diamanten, die der Vater der richtigen Person gegeben hatte, ihr LEBEN gerettet hatten. Sie konnte fliehen und überlebte den Krieg in den Wäldern bei Widerstandskämpfern. Über diese Zeit weigerte sie sich zu sprechen. Entweder sie hatte sie verdrängt oder es war so schlimm, dass sie keine Lust hatte, die Zeit mit Worten in Erinnerung zu rufen.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges kam sie zurück nach Warschau. Ausser einer einzigen Cousine war niemand zurückgekehrt. Sie war allein, auf sich selber gestellt. Es war nichts geblieben, was sie an die glücklichen Tage ihrer Kindheit erinnerte. Es war unendlich schwer und düster. Erika wollte nur weg. 1946 im Alter von 18 Jahren kehrte sie Polen den Rücken und reiste zu ihren Verwandten in die USA. Wie auch immer, auch in den USA fühlte sie sich nicht heimisch und die Abweisung des Gesuches für eine Aufenthaltsbewilligung bestärkte sie noch mehr, dass sie weiter suchen muss.

Auf dem Schiff nach Südamerika traf sie ihn. Ein rumänischer Jude, der aus einer sehr reichen Familie stammte und als Kind mit dieser Familie ohne Hab und Gut Rumänien fluchtartig verlassen musste, um sein Leben zu retten. Das neue Glück fanden sie in Südamerika, den früheren Reichtum erreichten sie nicht einmal mehr annäherungsweise.

Die zwei verliebten sich, Erika folgte ihm und bald heirateten die zwei.

Heute ist Erika dement und weiss nicht mehr, ob sie Kinder hat und wie die heissen, oder was sie vor einer Stunde gegessen hat. Die Ereignisse von vor mehr als 60 Jahren aber sind bei ihr so präsent, als ob es gestern gewesen wäre. ‎Ich weiss nicht, ob es gut oder schlecht ist. Ob der Schmerz des Verlustes immer neu aufkommt oder, ob sie sich freut, es geschafft zu haben. Sie kann es nicht sagen.

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