Michaela Merz

Ein Oktobermontag in Prag

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Prag ist eine sehr lebendige pulsierende Stadt. Es gibt viel zu sehen und, sofern man sich nicht wie ein steriler Tourist verhält, auch viel zu erleben.

Mit meinem Jüngsten (7) haben wir die Grossmutter in Prag besucht. Nach einem ereignisreichen Tag mit Gaukeln, lebendem Skulpturen und Strassenmusikern wollten wir nur nach Hause um die Beine zu strecken. Wir gingen zur U-Bahn. Das Perron war voll, schliesslich sind wir in der nachmittäglichen Verkehrsspitze. Der Zug kommt und die wartende Masse bewegt sich Richtung Tür. Aus den sich öffnenden Türen kommen komische Geräusche und die Masse der Leute trägt uns mit in den Wagon. Dort findet eine laute blutige Schlägerei statt. Jemand ruft nach der Polizei. Ich will zurückhalten, aber es ist kaum möglich. Wir werden auf die Seite in das Wagoninnere gedrückt. Ich überlege kurz, ob wir aussteigen sollten, aber bevor ich es umsetzen kann, springen die Streitenden aus dem Wagon, die Tür schliesst sich und der Zug setzt sich in Bewegung.

In dem Moment beginnen alle Leute zu husten. Ich ziehe meinem Jüngsten seinen Pullover über Nase und Mund und mache das gleiche bei mir. Eine kluge junge Frau beginnt systematisch all die kleinen Fenster im Wagon zu öffnen. Es ist offensichtlich, dass da irgendein Gas freigesetzt wurde. Wir sind aber alle machtlos. An der nächsten Station steige ich hastig aus und zerre meinen Jüngsten hinter mir mit.

Wir steigen in den Bus um und sind nach 500m Zeugen wie ein Auto dem Tram den Vortritt verwehrt und frontal in das Tram prallt. Der Schaden ist riesig, der Fahrer scheint unverletzt zu sein. Aber sowohl die Schiene wie auch die Strasse sind für den öffentlichen Verkehr blockiert.

Die nächsten 4 Busstationen laufen wir zu Fuss und zu Hause angekommen, beobachten wir aus dem 9. Stock des Hauses das Chaos auf der Strasse. Bus fährt immer noch keiner.

Als am Abend in den Nachrichten vermeldet wird, dass die Polizei in der Moldau mitten in Prag 6 Pakete mit verschieden Teilen eines menschlichen Körpers gefunden hat, teilt mir mein Jüngster mit, dass er sich da nicht sicher fühlt. Ich kann sein Angst nachvollziehen.

Es ist nicht so schlimm wie die Schilderung es erscheinen mag, aber von einer dörflichen Idylle ist es eindeutig weit entfernt.

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