Michaela Merz

Samstagnacht in der Notfallstation

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Die Freiheit der Bewegung. Der Duft des Waldes. Die Liebkosung des Windes. Die leichte Spannung der Muskulatur. Die anstrengende Steigung des Berges. Ich fahre durch den Wald mit freiem Kopf und fühle mich unheimlich gut. Es ist ein befreiendes, grosszügiges Gefühl , sich in Zeit zu verlieren. Ich bin jetzt kaum 15 Minuten von zu Hause. Es wartet nur noch eine Bergabfahrt und dann bin ich zu Hause. Leicht erschöpft und sehr zufrieden.

Auf den letzten paar Metern, schon fast unten, bemerke ich ein parkiertes Auto auf der Strasse mit allen Türen offen und in seiner Nähe zwei kleine Kinder, kaum älter als 3 Jahre. Eine erwachsene Person ist nicht zu sehen. Ich bremse so gut ich kann, aber das eine Kind rennt direkt vor mein Velo. Ich reisse mein Velo zur Seite, drücke die Bremse mit aller Kraft und fliege über den Lenker. Ich lande hart auf Knie, Bauch, Brust, Händen, Kinn, Mund.

Ich spüre starke Schmerzen und es wird mir kurz schwarz vor Augen. Der ganze Körper brennt und der Kopf dreht sich. Dem Kind ist nichts passiert. Ich stelle mein Velo auf, aber der ganze Körper tut mir weh. Nur mit grösster Mühe schleppe ich mich nach Hause. Ich putze alle meine grossflächigen Abschürfungen ein bisschen von den kleinen Steinen, die sich unter die Haut eingefressen hatten, und lege mich nieder, um mich auszuruhen. Aber der Schmerz in der linken Hand wird immer grösser und ich kann kaum was anfassen oder in der Hand halten. Mit der Zeit steigert sich der Schmerz ins unermessliche bei der kleinsten Bewegung. Es sieht nach mehr als einer Stauchung aus.

Um 11 Uhr am Samstagabend ist die Notfallstation gut besucht. Und wahrscheinlich nirgendwo ist das Leben so nah wie da. Polizisten kommen und gehen, unzählige Sprachen sind zu hören, man bekommt die einzelnen Geschichten vollständig mit, weil Privatsphäre existiert hier nicht. Das, was man da am meistens macht, ist warten. Ich merke, dass die Alkoholisierten einen eindeutigen Vorteil haben, weil sie auf ihren Liegen zwischen den einzelnen Untersuchungen sofort wieder schlafen. Kurz nach 4 Uhr kommt die Schwester und fragt mich warum ich nicht schlafe. Kann sie ihre Frage überhaupt ernst meinen? Wie schläft man auf einem lauten Durchgangsbahnhof bei vollem Licht mit Schmerzen?

Jetzt weiss ich, mein Arm ist gebrochen. Es ist offensichtlich, mein Schutzengel hat an diesem Samstag seine unzähligen Überstunden kompensiert. Der Schutzengel, des mir unbekannten Kindes, hat aber gut aufgepasst und das ist gut so.

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