Michaela Merz

Streik in Lissabon

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Ich hatte einen spannenden Tag vor mir. Am Nachmittag sollte ich mit der portugiesischen Mehrwertsteuerbehörde ihre neuen Massnahmen zur Förderung der Steuerehrlichkeit diskutieren und von 5 bis 7 Uhr hatte ich einen Vortrag an der “Universidade Catolica Portuguesa Escola de Lisboa” zur Effizienz der Compliance gehabt. Ich hatte mich riesig gefreut auf beides.

Am Flughafen Zürich war schnell klar, dass schon mal der Abflug von Zürich unsicher ist, weil in Lissabon Staatsangestellte streiken. Ich habe in den letzten 12 Monaten Streiks und Demonstration richtig angezogen. Man musste sich nach mir richten, um zu wissen, wo man an einem bestimmten Tag nicht hingehen sollte. Ich war blockiert durch die Demonstration des medizinischen Personals in Madrid, in Prag als die Verkehrsbetriebsangestellten die Hauptachsen besetzten, in San Francisco wurde ich durch die skandierende Gewerkschaften eine Woche lang jeden Morgen unsanft aus dem Schlaf gerissen und da waren noch die Streiks in Lissabon und Istanbul. Obwohl nie schuldig, trafen mich die Streiks auf die eine oder andere Art jedes Mal.

Ich konnte aus Zürich mit spürbarer Verspätung abfliegen, ich schaffte die Besprechung im Ministerium und war rechtzeitig zum Beginn meines Vortrages. Die Anzahl der Demonstranten, die ich vor dem Ministerium sah, schien mir sehr klein und ich konnte mir nicht vorstellen, dass eine so kleine Menge eine Stadt derart behindern kann. Aber ich sah offensichtlich nicht alles.

Ich kam in den Genuss von sehr viel Zeit im Taxi, weil die Hauptachsen blockiert waren. Und der Taxifahrer hat mir sehr viel über das heutige Lissabon erzählt. Nicht dass ich Portugiesisch kann, aber seine Aussprache war so, dass ich seinen russischen Akzent hören konnte. Und als ich ihn auf Russisch fragte, kam eine ungebremste spannende Wortlawine auf mich zu. Er war aus der Ukraine von Bukowina, vor Jahren nach Lissabon in die Bauwirtschaft gekommen. Da war viel Arbeit und er verdiente sehr gut. Dann kam ein absoluter Stillstand und die Bauwirtschaft war tot. Er musste sich umschauen und fand eine Stelle als Taxifahrer. Er arbeitet 12 Stunden pro Tag, 5 Tage die Woche, immer in der Nacht. Gemäss seiner Aussage arbeiten die Portugiesen nicht gerne in der Nacht und darum hat er hauptsächlich Kollegen aus Rumänien, Moldawien und der Ukraine. Das reicht zum Leben und zum Sparen für den Bau seines Hauses in Bukowina, wo er eines Tages mit seiner ukrainischen Ehefrau und der heute 2 jährigen Tochter zurückkehren will. Er erzählte über Schwierigkeiten mit dem Gesundheitswesen in Portugal, wo man Jahre auf operative Eingriffe warten muss, über Taschendiebe in öffentlichen Verkehrsmitteln und empfahl mir eine bestimmte Linie, deren Nummer ich sofort vergass mit extremer Vorsicht zu benutzen. Ebenfalls erzählte er mir, als er erfahren hatte, von wo ich stamme, dass sein Vater als blutjunger Soldat mit dem Panzer 1969 zu Besuch war und dass es für ihn sehr schwierig war, da der Hass der Leute spürbar gewesen war. Am Ende unserer Reise hat er sich sehr sorgfältig überzeugt, dass ich nichts aber wirklich gar nichts in seinem Taxi vergass.

Am schlimmsten war es aber am Flughafen. Am nachfolgenden Tag als der Streik schon längst beendet war, hat es ausgesehen wie nach einer Naturkatastrophe. Unmengen von Leuten, elendslange Schlangen, schlafende, zerknitterte, übermüdete Menschen an allen Ecken, am Boden, auf Bänken und Koffern. Gestrandete Passagiere des vorigen Tags mit dem Ziel heute weg zukommen.

Streiks und Demonstrationen bringen Kollateralschaden mit sich. Man kann mit Verständnis oder Unverständnis reagieren. An der Tatsache ändert es gar nichts. Dieses Mal war ich eigentlich nicht direkt betroffen. Lissabon ist eine spannende und viel bietende Stadt und ein Spaziergang am Ufer, wenn die Sonne untergeht, mit Blick auf die Brücke und die Christus Statue ist herrlich. Anschliessend Nachtessen im “Cafe IN“ mit hervorragendem Fisch – ist nur zu empfehlen. Und die portugiesische Ökonomie kann das Geld der Touristen wirklich gut gebrauchen. Nicht zögern! Besuchen!!!

Gemäss Zeitung am Freitag wurden 226 Demonstranten festgenommen. Die Demonstranten haben es geschafft mit der nicht angemeldeten Kundgebung den Verkehr in Lissabon lahm zu legen. Ihnen drohen bei Verurteilung, Haftstrafen bis zu fünf Jahren. Die Sparpolitik hat laut Gewerkschaften in den vergangenen zwei Jahren 300‘000 Arbeitsplatze eliminiert.

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