Michaela Merz

Autostopp

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Ich war in Grindelwald. Ich wollte laufen gehen und der Terrassenweg bot sich an. Eine Stunde in der Sonne war eine wunderbare Vorstellung. Die Strasse war teilweise eng, weil auf beiden Seiten noch hoher Schnee lag. Nach etwa einer halben Stunde hatte ich das Gefühl ein grosses Fahrzeug im Rücken zu haben und ich trat zur Seite und blieb stehen. Es war ein Linienbus und er hielt neben mir. Der Fahrer öffnete das Fenster und sagte:

“Entschuldigung, ich bin 5 Minuten zu spät. Haben Sie auf mich gewartet? Wollen Sie einsteigen?“ Ich verneinte und dachte über die Schweiz nach. Was für ein wunderbares Land, wo sich Busfahrer für 5 Minuten Verspätung entschuldigen und Ausschau nach möglichen Passagieren halten.

Die Geschichte hat mir aber auch ein anderes Erlebnis in Erinnerung gerufen. Vor Jahren besuchte ich Kollegen auf dem Land. Am Sonntagabend brachten sie mich zur Busstation, von wo aus ich dann mehr als eine Stunde Busfahrt nach Hause hatte. Der Bus war noch nicht da. Ich setzte mich auf die Bank und begann mein Buch zu lesen. Nach etwa 3 Minuten hielt ein Auto neben mir an und der Fahrer fragte mich, ob ich nach Prag mitgenommen werden will. Ich sagte Nein. Er wollte wissen warum. Ich erklärte ihm, dass ich prinzipiell nie mit fremden Männern reise und dass ich keine Lust habe vergewaltigt und getötet im Strassengraben zu landen.

Er antwortete, dass das völliger Schwachsinn sei und dass er es hasst, alleine zu reisen. Danach zückte er seine Identitätskarte und Portemonnaie. Ich sollte es bis zum Ankunftsort behalten. Ich schaute alles an und entschied mich mitzukommen.

Wir fuhren ab und etwa nach einem Kilometer standen am Strassenrand zwei junge Frauen, die per Anhalter fahren wollten. Er fuhr weiter ohne anzuhalten. Ich protestierte und sagte, sofort anhalten und sie mitnehmen, oder ich steige aus. Er bremste ab und fuhr zurück, um sie mitzunehmen. Auch sie wollten nach Prag und waren begeistert, dass jemand sie mitnahm.

Der Fahrer sagte: “Das habt ihr meiner Frau Clara zu verdanken, sie insistierte.“

Ich staunte über seine Lügengeschichte, aber ich spielte mit.

Ich erzählte ihnen, dass Peter sehr schlechte Erfahrungen mit Autostoppern gemacht hatte und speziell in seiner Position sehr aufpassen müsste.

Die Mädchen waren sofort neugierig und wollten wissen, was er so macht. Der Fahrer Peter (ich kannte seinen Name aus seiner ID) erzählte, dass er ein hoher Diplomat sei, viel reist und sein Ruf tadellos sein muss. Sie waren begeistert und wollten wissen, ob ich mitreise. Ich verneinte und sagte, dass es nicht geht, weil ich Besitzerin von einer Galerie bin. Peter mischte sich ein und erzählte, dass ich eher Malerin und Kostümbildnerin und Künstlerin bin und tat als wäre er überrascht, dass die beiden Mädchen meinen Namen nicht kannten. Wir beiden dichteten zusammen ein wunderbares Märchen über ein überglückliches, kinderloses Paar mit beidseitig spannenden Karrieren. Dass unsere Bekleidung und Fahrzeug nur schlecht zu dieser Geschichte passten, fiel den beiden Mädchen nicht auf.

Wir haben uns beide herrlich amüsiert und die Augen der beiden Mädchen wurden vor Staunen immer grösser. Die Reise ist wie im Flug vergangen. Sie wollten kurz nach der Stadteinfahrt aussteigen und bedankten sich tief beeindruckt. Nachdem wir allein waren, wollte Peter wissen wie ich wirklich heisse und was ich mache. Ich erzählte es kurz. Ich fragte ihn auch. Er sagte, dass er ein Uhrenmechaniker ist und auf die Turmuhren spezialisiert ist. Ich staunte und war mir nicht sicher, ob es wieder eine seiner Geschichte ist oder ob es stimmt. Er brachte mich bis vor unser Haus und fragte nach meiner Telefonnummer. Ich überlegte kurz, aber entschied mich sie ihm nicht zu geben.

Er war enttäuscht, aber akzeptierte es, verabschiedete sich und fuhr weg. Erst zu Hause habe ich entdeckt, dass ich immer noch seine ID und Portemonnaie hatte. Klar haben wir uns ein zweites Mal gesehen, aber das ist eine andere Geschichte.

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