Michaela Merz

Grenze der Freiheit

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Mein Junge hatte eine für uns alle unverständliche panische Angst vor Hunden. Rationalität hilft da nicht weiter. Wir sind für ein paar Tage zu der Schwester meiner Mutter zu Besuch gefahren, die drei kleine niedliche Hunde besitzt. Der Anfang war harzig, aber nach zwei Tagen waren die Hunde und mein Junge dicke Freunde. Seine panische Angst hat sich, was fremde Hunde anbetrifft, in freundlichen Respekt geändert. Ich war sehr froh.

Am Sonntagmorgen war ich im Wald am Zürichberg laufen. Es war sehr früh und nirgendwo ein Mensch zu sehen. Nach etwa 50 Minuten hätte ich noch eine kurze Strecke bergab vor mir gehabt. Und da sah ich ihn. Ein riesiger Hund lief mir entgegen. Sein Herrchen weit hinter ihm. Es war offensichtlich, dass es ein noch sehr junger Hund war. Verspielt und noch mit tollpatschigen Bewegungsabläufen. Ich war nicht beunruhigt und sah in dem Jungtier trotz seiner stattlichen Grösse keine Gefahr. Der Hund beschleunigte noch und ich war auf seiner Zielgeraden. Wir waren jetzt sehr nahe und ich verlangsamte meine Schritte und blieb stehen. Da war er schon da und mit Anlauf sprang er mich an. Seine Pfoten berührten meine Schultern und hinterließen auf meiner hellen Jacke deutliche Spuren. Ich stand ohne jegliche Bewegung da und der Hund sprang weiter an mir hoch. Ich machte gar nichts. Irgendwann war es ihm langweilig. Dann entdeckte er Schafe auf der benachbarten Wiese und lief zu ihnen. Sein Herrchen kam bis auf paar Meter zu mir. Ich wartete.

Dann fragte ich ihn, ob er die Tafel, die am Rande des Waldes steht, nämlich, dass Hunde an der Leine zu führen sind, nicht gelesen hat.
Er antwortete, dass ich kein Drama machen sollte. Dass da niemand ist. In diese Zwischenzeit versuchte der Hund den hohen Zaun, hinter dem die Schafe waren, zu überspringen.
Ich war entsetzt. Nicht über den Hund, sondern über sein Herrchen. Kein Wort der Entschuldigung, kein Anzeichen der Reue.
„Nehmen Sie den Hund an die Leine“, sagte ich leise, aber bestimmt.
„Mischen Sie sich nicht ein“, antwortete er schroff.
Ich hatte genug gehabt und sagte, „nehmen Sie den Hund an die Leine oder ich rufe die Polizei!“
Er starrte mich ein, als ob ich vom Mond wäre. Er rief seinen Hund, aber der folgte überhaupt nicht. Nur unwillig ging er zu seinem Hund. Es hat eine Weile gedauert bis es ihm überhaupt gelungen ist, den Hund zu fangen.
Ich stand da und beobachtete sie.
Als es ihm endlich gelungen war, den Hund zu fangen und an die Leine zu nehmen, drehte er sich zu mir und sagte sehr laut: “Die Schweiz war früher liberaler.“
Ich bin dann weitergelaufen. Der Hund tat mir leid, es war ein schöner junger Hund, leider hat er das falsche Herrchen erwischt.

Die Freiheit des einen hat die Grenze dort, wo die Freiheit des anderen eingeschränkt wird.

Mein Junge ist mir in dem Moment in den Sinn gekommen. Vielleicht hat sich das mit ihm auch irgendwie so abgespielt und ich habe es gar nicht mitbekommen. Jedenfalls ist jetzt gut, dass er keine Panik von Hunden mehr hat. Das sind doch tolle Begleiter, sofern gut erzogen.

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