Leben in Zeiten von Corona 2021

Vorletzten Sonntag bin ich sehr früh aufgestanden. Draussen war es noch sehr dunkel. Ich trank Kaffee, zog mich an und machte mich auf dem Weg nach oben auf den Berg. Als ich von zu Hause losfuhr war es immer noch dunkel, aber langsam wurde es hell. Der Weg bis nach oben auf den Berg ist auf den letzten 5 Kilometern sehr schmal. So schmal, dass es ab und zu sehr schwierig ist auszuweichen, wenn sich zwei Fahrzeuge begegnen. Ab und zu ist es gar nicht möglich auszuweichen und ein Fahrzeug muss rückwärtsfahren damit beide aneinander vorbeikommen. Von Samstag auf Sonntag hat es geschneit und auf beiden Seiten der Strasse türmten sich Wände von geräumten Schnee.

Ich war sehr früh unterwegs und war mir ziemlich sicher, da kommt jetzt nichts entgegen. Aber wie so oft habe ich mich auch an diese Morgen getäuscht. Plötzlich erblickte ich einen riesigen orangenen Schneepflug. Ich seufzte und begann rückwärts zu fahren. Das andere Fahrzeug war einfach grösser als meins. Ich versuchte mich zu erinnern, wann die nächste Möglichkeit ist aus der Strasse abzubiegen, und den Schneepflug durchfahren zu lassen. Es kam mir nichts in Sinn. Mein dreidimensionales Sehen ist so gut wie nicht vorhanden. Als ich in meinen jungen Jahren den IQ Test machte, erzielte ich in diesem Bereich 0 Punkte und weil es im Vergleich zu den anderen Bereichen so grottenschlecht war, hatte ich dieses Teil des Tests nochmal wiederholen müssen. Das Testzentrum dachte, da muss ein Irrtum vorliegen. Aber es war kein Irrtum, ich kann es einfach nicht! Somit ist auch das Rückwärtsfahren für mich eine Qual. Nicht das ich es am Ende nicht schaffe, aber es ist ziemlich zeitaufwendig und endet mit einem schweissgebadeten Rücken.

Ich fuhr rückwärts – langsam und bedacht wie eine Schnecke. Der Fahrer des Schneepfluges beobachtete mich eine Zeit lang, aber irgendwann ist ihm die Geduld gerissen. Schlussendlich war er am Arbeiten und wollte endlich fertig werden. Er begann selbst rückwärtsfahren. Und wie! Und mit was für einer Geschwindigkeit!! Wenn jemand irgendwas kann, dann kann er das! Eigentlich brauchte er nur etwa 1 Minute und schon konnte er zu einem Bauernhaus abbiegen. Ich gebe zu, ich war erleichtert. Ich winkte ihm in Dankbarkeit, aber er würdigte mich nicht mal eines Blickes. Als ich oben am Berg angekommen bin, war ich die erste. Der Parkplatz war völlig leer, niemandem da. Ich zog die Schuhe und die Langlaufski an und fuhr los. Es wurde hell aber die Sonne kam nicht durch. Unglaubliche Schattierungen waren zu beobachten. Es war alles da – von einem ganz dunklen bis zu ganz hellem blau und kombiniert mit dem weissen Schnee war es einfach herrlich. Überall Stille und umfassender Frieden. Corona habe ich für ein paar Stunden verdrängt. Ich lief und es hat sich so leicht und befreiend angefühlt, dass ich gar nicht gemerkt habe wie schnell ich bin. Die Konditionen waren hervorragend. Wahrscheinlich die besten in diesem Jahr. Die Loipe war gut präpariert und hart und die Abfahrten schnell. Ich bin nur ein einziges Mal umgefallen, als ich zu wenig konzertiert war und bei der Abfahrt die Spur verfehlte. Die Steigungen konnte ich mit einer unglaublichen Leichtigkeit bewältigen, wie wenn es gar keine Steigungen, sondern nur Flachland gewesen wäre. Dort wo ich letztes Jahr am Anschlag war, bin ich jetzt wie ein Vogel hochgeflogen. Die Bilder die ich zu sehen bekam waren beeindruckend. Die Farben so intensiv, die Motive wie aus dem Bilderbuch. Die Strecke schaffte ich in Rekordzeit und ich fühlte mich gar nicht müde. Der Körper strotzte von Energie und der Geist fühlte sich frei. Eigentlich hatte ich gar nicht Lust zurück ins Tal der «Traurigkeit» zurückkehren. Wie schön wäre es jetzt da zu bleiben und einfach nur weiter zu laufen bis ich nicht mehr konnte, dachte ich mir! Das Leben ist aber voll von Verpflichtungen und Versprechungen, und ich versprach meinem Jüngsten zur Mittagszeit zurückzukommen und mit ihm was zu unternehmen. Nur ungern packte ich meine Ausrüstung und fuhr ins Tal.

Am nächsten Sonntag war der Tag grau und verregnet, die Loipe durch den Regen zerstört und geschlossen. In Regen gingen wir spazieren und der Regen fühlte sich wie Tränen an. Der Höhepunkt des Tages, ist ein gekaufter Kaffee aus einem Automaten bei der Tankstelle!! Wenn mir jemand vor einem Jahr gesagt hätte, dass der Höhepunkt an einem Tag ein Kaffee aus einem Automaten an der Tankstelle sein wird, hätte ich ihm für verrückt gehalten. Aber eben, man kann sich in vielen Dingen täuschen.

Es ist schwierig zu verstehen was mir wirklich am meistens fehlt – die Spontanität, die Nähe oder die Möglichkeit meine Mutter zu Besuchen. Ich wünsche mir das alles zurück in meinem Leben. Hoffnung habe ich, Optimismus auch, aber der Zeitpunkt, an dem alles wieder in mein Leben zurück kehrt, scheint mir weiter weg als ich es mir in Dezember noch gedacht hatte.

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