Leben in Zeiten von Corona X – Rettungsschiff

Ich wollte bei meiner Mutter sein. Bin es aber nicht, weil das Land, in dem sie wohnt auf die Liste der Risikoländer gesetzt wurde. Das war ein Schock für mich. Meine Mutter geht auf die 80 zu, ist verwitwet und obwohl sie sehr selbständig ist, braucht sie Hilfe. Ich versprach ihr im September zu ihr zu kommen und ihr in Haus und Garten zu helfen, wo es notwendig ist. Als ich die Nachricht lass, dass das Land ab Montag auf der Quarantäneliste steht, musste ich erst herausfinden, was das bedeutet. Die Massnahmen sind drakonisch. 10 Tage lang in der Isolation nach der Rückkehr und das auch ohne Symptome und auch bei einem negativen Test. Damit ich mein Sohn nicht gefährde, müsste ich 10 Tage lang in meinem Zimmer bleiben.

Mein Zimmer ist nicht gross. Wenn ich den Arbeitstisch reinstellen müsste um die 10 Tage überhaupt arbeiten zu können, wäre es sehr eng. 10 Tage, 240 Stunden in einem kleinen Raum ohne eine Möglichkeit nach Draussen zu gehen, mich zu bewegen, mein Sohn zu umarmen – das halte ich nicht durch. Das war mir sofort klar. Ich bin ein Bewegungsmensch und der Druck des Alltages bewältige ich mit Schwimmen, Rennen oder Velofahren. 10 Tagen auf kleinstem Raum eingesperrt zu sein, halte ich nicht aus ohne einen Schaden davon zu tragen. Dazu lassen sich die Fenster nicht öffnen – Komfort-Lüftung. Und so wäre ich 10 Tage in einem Zimmer ohne jeglichen Bezug zur Aussenwelt.

Es kam mir sehr unfair vor. Meine Mutter ist in einem grossen Haus in einer Streusiedlung. Zum nächsten bewohnten Haus sind es 400m und der jüngste in der Siedlung geht auf die 60 zu. Ein Geschäft, ein Restaurant oder ein Begegnungsort gibt es in der Ortschaft nicht. Es hat dort auch noch nie ein Fall von Corona gegeben und die Wahrscheinlichkeit sich dort anzustecken, wo man mit dem Nachbaren über ihre Hecke spricht, ist fast 0 im Vergleich zu dem Ort wo ich wohne. Aber ein Gesetz, eine Verordnung kennen keine Nuance und kaum Schattierungen. Es ist halt so, auch wenn es kein Sinn macht.

Als ich die Nachricht lass, dass das Land auf der Risikoliste kommt, wurde mir physisch schlecht und ich war den Tränen nah. Ich wusste, ich werde nicht fahren, weil ich die Quarantäne nicht aushalten werde. Das Gefühl, das Wort zu brechen, welches ich meiner Mutter gegeben hatte, ihr mit allem zu helfen, was sie brauchen wird, zerriss mir das Herz. Es ist wahr, dass ich jemanden bezahlen kann, der kommt, den Garten für den Winter vorbereitet, der meiner Mutter hilft die Matratze im Bett zu drehen, der die Sommer Sachen versorgt oder das Holz um zu Heizen in der Nähe der Küche deponiert. Aber ich kann niemand bezahlen um meine Mutter in die Arme zu nehmen und ihr die Zuversicht zu geben, dass wir die schwierige Zeit gemeinsam durchstehen. Das es wieder bessere Zeiten geben wird. Sie ist nämlich ganz allein und Unterstützung kann ich ihr nur via Telefon oder Videokonferenz geben. Die lassen jedoch kaum wirkliche Nähe zu. Nie im Leben hätte ich mir vorstellen können, wie schwierig solche Entscheidungen sein können. Und es ist ein ekelhaftes Gefühl, die eigene Mutter in Stich zu lassen.

Die Verordnung ist unfair. Ich kann nach Genf fahren und mich ins Nachtleben stürzen (zumindest bis Mittwoch war es möglich) aber meine Mutter zu besuchen darf ich ohne drastische Konsequenzen nicht. Die Region, wo sie wohnt ist leider für die geopolitische Interesse der Schweiz ohne jegliche Bedeutung und liefert keine Krankenschwestern für die Schweizer Spitale.

Als ich es meine Mutter sagte, fing sie zu weinen an und ich schwieg als Antwort um nicht auch noch weinen zu müssen und sie noch mehr zu verunsichern. Nach dem Gespräch musste ich raus um mich zu bewegen, um nicht wahnsinnig oder depressiv zu werden. Ich nahm mein Stand-Up-Paddel und bin quer über den See gepaddelt. Ich brach sicher den Geschwindigkeitsrekord, weil in mir so viel Frustration war, dass ich paddelte, wie wenn es um Leben und Tod gegangen wäre. Nach 2 Stunden fühlte ich mich ein bisschen besser. Plötzlich sah ich wieviel Käfer da im See um ihr Leben kämpften. Keine Ahnung von wo sie kamen und wie sie Mitten im See gelandet sind. Also startete ich die Rettungsaktion. Ich fischte sie aus dem Wasser und legte sie zum Trocknen auf mein Paddelbrett. Aber kaum waren sie bei Kräften fielen einige wieder ins Wasser. «So nicht», dachte ich und änderte meine Rettungsstrategie. Ich packte sie in meinen kleinen Rucksack, dass ich sie sicher bis ans Ufer transportieren konnte. Am Ufer angekommen, entliess ich sie wieder in die Freiheit.  

Den Käfern konnte ich helfen, meiner Mutter leider nicht.

Image Source: http://unsplash.com

One thought on “Leben in Zeiten von Corona X – Rettungsschiff

  1. Hallo Michaela,
    ich verstehe dich nur allzu gut…auf dieser Liste ist ja auch Wien…wir denken derzeit darüber nach in den Herbstferien nach Österreich zu gehen, genauer gesagt nach Niederösterreich, weil wenn wir dort hingehen, gelten die CH Quarantäne Bestimmungen nämlich derzeit nicht. Dann können wir meine Eltern und Freunde in NÖ sehen, aber nach Wien reinfahren dürfen wir nicht…(da sind nur ein paar km dazwischen), obwohl ich mich in meiner Wohnung dort sicherer fühlen würde, als irgendwo anders “einquartiert”. Mal schauen, wahrscheinlich kommt in letzer Sekunde eh wiederum alles als geplant…echt mühsam derzeit 😦 Grüsse Verena

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