Michaela Merz

Das Luftgewehr

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Rudolf hat ein Luftgewehr und Zielscheiben zum Geburtstag bekommen. Der Vater hat ihm hinten im Garten in der zerfallenen Scheune an der Wand mehrere dicke Holzbretter befestigt. Ab diesem Tag stand Rudolf fast jeden Tag und ab und zu sogar mehrmals am Tag hinten im Garten und übte das Schiessen.

Die kleinen, relativ leichten, metallenen Patronen erzeugten keinen grossen Lärm. Der Vater von Rudolf war sehr zufrieden mit der sinnvollen Nebenbeschäftigung von Rudolf. Nach etwa zwei Monaten sehr fleissigem üben, traf Rudolf fast immer in die Mitte der Zielscheibe. Das unbewegliche Ziel wurde ihm langweilig. Rudolf wollte versuchen auf ein bewegliches Ziel zu schiessen. Während des Abendessens fragte er den Vater, ob er es ausprobieren konnte. Vater sagte, dass er darüber nachdenken würde, was er machen könnte, damit sich das Ziel bewegt. Somit war die Diskussion beendet. Die Frage ging Rudolf nicht aus dem Kopf. Obwohl der Vater es ihm ausdrücklich verboten hatte ausserhalb des Gartens zu schiessen, nahm er ab und zu sein Luftgewehr auf seine Wanderung in den naheliegenden Wald mit. Er kletterte auf die Hochsitze, wartete bis sich ein Tier zeigte und zielte ohne abzudrücken. Er ging immer allein, damit sein jüngerer Bruder nicht sah, was er tat.

An einem Samstag wollte er wieder in der zerfallenen Scheune üben. Er war dabei sich vorzubereiten als er einen kleinen Hasen sah. Rudolf stockte der Atem. Der Hase war winzig klein und sass im Gras. Offensichtlich hatte er Rudolf nicht bemerkt. Das Luftgewehr war geladen, Rudolf hob es hoch um zielen zu können. Er wollte aber nicht auf unbewegliche Ziele schiessen. Er wollte endlich versuchen, ein bewegliches Objekt ins Visier zu nehmen. Plötzlich hörte er die Stimme seines Bruders, der Hase erschrak und fing an zu Hüpfen um sich zu verstecken. Rudolf war bereit, er zielte und drückte ab. Der Hase fiel und durch den Garten ertönte der Schrei seines Bruders. Sein Bruder hatte alles gesehen und rannte zu dem im Gras liegenden Hasen. Das Tier lag ausgestreckt und atmete schnell. Sein Bauch war offen und blutete. Rudolf stand da, mit dem Gewehr in der Hand und konnte sich nicht rühren. Sein kleiner Bruder Lukas nahm vorsichtig das blutende Tier in die Hände und rannte zum Haus. Rudolf, der sich wie im Traum fühlte, folgte Lukas. Lukas rannte in die Küche zu seiner Mutter und bat sie um Desinfektionsmittel und Verband. Der Vater der zufällig auch in der Küche war, schaute sich das blutende Tier an und sagte nur kurz, dass es zu spät sei. Dann nahm er den kleinen Hasen aus Lukas Händen, schloss die Küchentüre hinter sich und ging weg.

Als er zurückkam, gab es keinen kleinen Hasen mehr. Der Vater entnahm Rudolf das Gewehr und schloss es im Schrank im Obergeschoss ein. Dann verbot er Rudolf das Schiessen.

Image source: Unsplash.com

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