Michaela Merz

100 Jahre Zirkus Knie

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Wir hatten kein Billett für die Zirkus Vorstellung und es war ausverkauft. Die Vernunft sagt klar, dass es nichts bringt vor Ort zu gehen und an der Kasse nach einem Billett zu fragen. Es ist November, es ist kalt und es regnet. Ein Film zu Hause zu schauen scheint die bessere Lösung zu sein. Wir sind trotzdem gegangen.

An der Kasse war eine grosse Anschrift – ‘HEUTE AUSVERKAUFT’. Ich fragte trotzdem nach und bekam zur Antwort, dass sie heute keine Billette mehr zur Verfügung haben. Die Leute strömten in das Zelt und der Regen prasselte gegen unsere Kleider. Meine Hose wurde nass und klebte an meinen Beinen. Es fühlte sich unangenehm an. Wir standen bei der Kasse, und klar war keiner da, der zwei Billette verkaufen wollte. Irgendwie wollte ich nicht aufgeben und nach Hause gehen. Ich war überzeugt, dass es eine Lösung geben musste. Dazwischen sind nacheinander zwei Paare gekommen, die ebenfalls nach einem Billett fragten. Der Regen wurde noch stärker und wir beide drückten uns näher an die Kasse um ein bisschen Schutz zu finden. Vor der Kasse stand eine Frau die in der Hand zwei Billette hielt. Ich dachte vielleicht ist sie unsere Lösung aber sie wollte die Billette nicht verkaufen. Sie wartete nur auf eine Freundin.

Bis zum Anfang der Vorstellung waren es nur zehn Minuten. Da begann die Frau neben uns mit ihrer Freundin zu telefonieren und stellte fest, dass Ihre Freundin nicht kommt. Jetzt ist unsere Chance gekommen. Das Problem war, dass sie nur ein Billett verkaufen wollte. Ich fragte meinen Jüngsten ob er allein ohne mich gehen wolle, mit der Versprechung, dass ich ihn nach der Vorstellung abholen würde. Er wollte nicht ohne mich gehen.

Wieder keine Lösung in Sicht. Da fragte die Frau bei der Kasse ob sie das eine Billett zurückgeben kann und die Kassiererin sagte, dass dies leider nicht ginge. Gleichzeitig guckte sie uns zwei Nasse an und fragte ob es uns nichts ausmachen würde, wenn wir zwei Plätze mit eingeschränkter Sicht hätten, da vor uns Rollstuhlgänger sitzen würden. Wir sagten, dass es uns gar nichts ausmacht und kauften ihr die letzten zwei Billette ab. Somit war das Zelt tatsächlich bis auf den letzten Platz ausverkauft und die Frau neben uns konnte das eine Billett auch noch verkaufen.

So sind wir in der ersten Reihe gelandet, an Plätzen wo wir noch nie gesessen haben. Zu unserer Überraschung gab es auch keine Rollstuhlfahrer vor uns. Ein phänomenaler Platz, eine phänomenale Sicht.

Es war ein fantastischer Abend. Wir lachten wie wild mit Giacobbo/Müller. Ihre Nummer wo die zwei Männer den Zirkusbesuch einer Mutter mit ihrem fünfzigjährigen Kind darboten, war einfach umwerfend. Die Akrobatik war atemberaubend und wir konnten uns nicht einigen wer der beste war, weil alle so unheimlich perfekt waren. Wir haben die Tiere in der Manege genossen. Ich weiss, das ist ein umstrittener Punkt. Heute gibt es bei Zirkus Knie anstelle von Elefanten Papageien. Die Elefanten haben wir vermisst. Alle die Tiere machen den Eindruck, dass es ihnen Spass macht und die Beziehung zu ihrem Betreuer scheint sehr innig zu sein. Egal ob Schwein, Pferd, Pony oder Papagei.

Mein Grossonkel hatte einen Enterich Namens Gustav. Gustav folgte meinem Grossonkel auf Schritt und Tritt und ist sogar Tram mit ihm gefahren. Mein Grossonkel liebte Gustav und Gustav liebte meinen Grossonkel. Sie zu beobachten war ein Genuss. Dazu kam, dass Gustav eigentlich ein verstecktes politisches Statement meines Grossonkel war, weil damals der Vorsitzende der kommunistischen Partei ebenfalls Gustav Enterich hiess. So konnte sich mein Grossonkel immer ungehindert und ohne Risiko über “Gustav” äussern. Alles was mein Grossonkel Gustav beigebracht hatte, konnte als nicht Artgerecht betrachtet werden, aber die beiden schienen zusammen immer sehr glücklich zu sein. Warum dann nicht im Zirkus? Aber zurück zu ‘Knie’. Zurück zum Zirkus. Die Magie die der Abend bringt ist unverwechselbar. Und weil es gelingt, den Alltag, die Sorgen, die Arbeit draussen zu lassen, braucht es auch die nächste 100 Jahre einen Zirkus. Und warum nicht Zirkus Knie?

One thought on “100 Jahre Zirkus Knie

  1. Einverstanden, wirklich einmalig

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