Michaela Merz

Was macht man im Tessin wenn es regnet? – Sasso San Gottardo

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Ich bin nicht ängstlich, aber der starke Wind der mich in unseren Ferien in der Nacht geweckt hatte, hat mir schon Respekt eingejagt. Es fühlte sich nicht an wie ein Blick aus dem Fenster sondern eher wie ein Film über eine Naturkatastrophe im Fernsehen. Irgendwie war alles in Bewegung, auch das was eigentlich stationär sein sollte. Wenn Äste, Unmengen von Blättern und Kleidungsstücke durch die Luft wirbelten wäre noch nachvollziehbar, aber als ich sah, mit welcher Leichtigkeit der Wind metallene Liegen anhob und in den Hotel Swimmingpool warf, wurde mir schon mulmig.

Der nachfolgende Tag war grau und neblig. Es hat ununterbrochen geregnet und auch wenn es nicht kalt war, Aktivitäten im Freien waren wegen Donner und Blitzen einfach zu gefährlich. In meiner Obhut zwei Teenager 13 und 14 Jahre alt. Fernsehen und alle elektronischen Geräte waren für mich keine Option und ins Hallenbad wollte ich nicht gehen. Ich blätterte im lokalen Reiseführer, leider hat er mir nicht zur zündenden Idee geholfen. Ich versuchte es mit Google – was macht man in Tessin wenn es regnet, aber auch Google war nicht wirklich hilfreich. Outdoor Swiss Miniatur oder die Outdoor Vorführung der Raubvogel schienen mir nicht wirklich geeignet zu sein.

So machten wir einen Ausflug in eines der jahrelang am besten gehüteten Geheimnisse der Schweiz – die militärische Festung am Gotthard. Es ist eine der grössten unterirdischen Verteidigungsanlagen, welche im Jahre 1941 gebaut wurde. Das Artilleriewerk “Sasso da Pigna” wurde im Rahmen des Reduit-Planes von General Guisan gebaut.  Im September 1944 wurden die vier 15-cm-Kanonen mit einer Schussweite von 23,5 km eingebaut. Damit konnte entweder bis zu Ulrichen (VS), Formazza (Italien) oder zu Scopi (Lukmanier) und Pizzo Campo Tencia geschossen werden. Bis 1998 blieb diese Anlage einsatzbereit.

Der Eintritt ist teuer – Erwachsene zahlen 25 SFr, aber ich stelle mir vor, dass der Unterhalt dieses Museum in keine Art und Weise durch die Einnahme gedeckt wird.

Man wird verschluckt in einem unterirdischen Labyrinth. Draussen war nicht wirklich warm mit etwa 14°C. Im Inneren der Festung war es noch kälter mit 8°C. Das Museum ist auf schlecht ausgerüstete Besucher, wie wir es waren, vorbereitet und hat uns Fliessjacken ausgeliehen. Vor uns lagen endlose schmale Korridore, logistische Infrastrukturen wie Küche, Krankenzimmer und Unterkünfte. Im oberen Teil, der mit einer Kilometer langen Stolle mit dem unteren Teil verbunden ist, sind Unterkunftsteile für die Geschützmannschaft, Munitionsmagazine und die Geschütze mit Kanonen eingebaut. Die beiden Ebenen sind mit über 400 Treppenstufen miteinander verbunden. Für den Transport zwischen den zwei Ebenen wird ein kleiner Aufzug benutzt, der auch die Besucher zwischen den Bereichen transportiert.

Ich verstehe wenig was das Militär betrifft und habe mich abgesehen vom zweiten Weltkrieg über Armee, Militär, Waffen und Kriege nie wirklich interessiert. Es ist mir nicht gelungen die Strategie, die zum Bau dieses beindruckenden Komplexes geführt hatte zu verstehen. Ich hatte mir das mühsame Leben hier im inneren des Berges ohne Tageslicht vorgestellt. Ich musste über die Männer nachdenken, die an der Baustelle ihre Leben liessen. Ich versuchte mir vorzustellen wozu man das Geld, die dieser Bau verschlang, benutzen konnte (bestimmte Quellen sprechen über 10 Millionen andere über 110 Millionen – unglaubliche Beträge während des 2. Weltkrieges.). Ich fand diesen Ort beindruckend, hoch interessant, sehr düster und gleichzeitig deprimierend. Meine zwei Teenager haben sich interessiert. Am meisten haben ihnen die Kanonen und die dort ausgestellten Kristalle gefallen.

Nein, ich hatte keine Lust hier eine einzige Nacht zu schlafen. Ich hätte wahnsinnige Mühe an diesem Ort zu arbeiten, aber ich habe extrem hohe Respekt vor allen den Leuten, die das gemacht hatten (machen mussten) oder heute tun. Als Zeuge der Geschichte des 20. Jahrhundert ist es Wert es zu besuchen. Und bitte denke daran, die Anlage ist riesig, ihr solltet mindestens 4 Stunden planen. Nach dem Besuch spürte ich Dankbarkeit. Dankbarkeit, dass man solche Anlage nicht mehr braucht, Dankbarkeit für die Arbeit derjenigen, die es erbaut hatten, Dankbarkeit für die Welt in der ich lebe.

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