Michaela Merz

Eidgenössisches Schwingfest Zug 2019 , Pratteln 2022

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Die halbe Stadt Zug ist zu einer Fussgängerzone und Partymeile geworden. So habe ich die Stadt noch nie gesehen. An ruhigen Schlaf war in der Nacht von Samstag auf Sonntag nicht zu denken. Die lauten betrunkenen Stimmen haben mit Leichtigkeit unsere Dreifachverglasung durchdrungen. Ich war um 4 am Morgen nicht begeistert aber da es einmal in Leben ist, habe ich es erduldet. Kaum sind die letzten betrunkenen um 5 Uhr am Morgen verschwunden, strömten schon kurz nach 6 Uhr die ersten, die am Sonntag den Wettkämpfen zuschauen wollten, in Richtung Arena. Unter meinen Fenstern gab es zwischen Freitag und Sonntag ein ununterbrochener Strom von Leuten in Edelweisshemden, Trachten, mit Hüten und ohne Hüte. Man muss es sich vorstellen, Zug hat etwa 130’000 Einwohner. Dieses Wochenende kamen etwa 400’000 dazu und fast alle sind unter meinem Fenster durchgelaufen. Sie zu beobachten war teilweise genauso spannend wie den Kämpfen in Arena.

Das Schwingfest war einfach monumental, bis zu letztem Detail durchgedacht, perfekt organisiert von Abfall-, Sicherheits- und Verkehrskonzept, über die Arena, Anzahl Toiletten, Rahmenprogramm. Das Ganze in sehr gelassener Atmosphäre. Irgendwie Schweiz wie man sie sich vorstellt. Am meistens hat mich die Putzequippe beindruckt. Keine Ahnung wie viele Leute sich um die Sauberkeit gekümmert hatten. Kaum wurde ein Papier zum Boden geworfen, schon war da ein Mitarbeiter, der es richtig entsorgte. An der Festmeile mit über tausend Leute sah es immer so aus, als ob das Fest erst eröffnet wurde. So sauber und aufgeräumt war es. Und die Geschichte dazu hat Marta und ihr Mann geliefert.

Der Man von Marta geht immer an das eidgenössische Schwingfest. Das ist für Marta in Ordnung. Zwei Tage verbringt Hans mit seinem Vater, welcher auch Hans heisst, in die Arena. Schlafen tun sie immer von Ort in einer Massenunterkunft damit es nicht zu teuer wird. Am Sonntagabend kehren sie nach Hause, Müde von zu wenig Schlaf, zu viel Emotionen und Alkohol, aber immer sehr zufrieden. Die Beziehung zwischen Marta und Hans war schon mal besser, aber beide sind pragmatisch und wissen zu schätzen, was sie haben und nach 12 Jahren Ehe und drei Kindern kann man nicht viel mehr erwarten. Am Samstagabends ist der Jüngste auf den Zwetschenbaum in Nachbarsgarten geklettert. Ein Ast hat nachgegeben und er ist zu Boden gefallen. Martas Älteste erst 12 aber gross und kräftig trug den kleinen 7- jährigen nach Hause. Es war kurz vor 9 Uhr am Abend und es begann Dunkel zu werden. Der Kleine weinte vor Schmerzen. Sie legten ihn in Wohnzimmer aufs Sofa und Marta begann zu schauen, welcher Schaden der Fall angerichtet hatte. Als sie seinen leicht angewinkelten rechten Arm anhob und der Kleine laut aufschrie, bemerkte sie, dass aus der Unterarm ein Knochen rauschaute. Die Stelle blutet aber nicht. Marta entschied sich sofort ins Kinderspital zu fahren. Es war offensichtlich ein offener Bruch und Gott weiss was alles noch. Marta setzte den kleinen ins Auto, liess die zwei andere Jungen zu Hause und befahl Ihnen um 10 ins Bett zu gehen. Sie zitterte leicht, weil sie Angst hatte, aber sie wusste, dass sie ruhig bleiben muss. Noch unterwegs ruf sie ihrem Mann Hans, aber erreichte ihn nicht. Sie liess eine Nachricht auf der Combox. Vor dem Kinderspital gab es kein freier Platz und so parkierte sie ihr Auto im Parkverbot und trug der Kleinen zur Klinik. Das Auto hat sie vergessen abzuschliessen, sogar die Tür ist offen geblieben. Das Warten in der Annahme war elendslang. Der Kleine war sehr unruhig und musste Schmerzen haben. Marta tat alles um ihm zu beruhigen. Nachdem der Arzt endlich den Kleinen untersucht hatte, informierte er Marta, dass der Junge sofort operiert werden muss und Drähte in den Unterarm bekommen wird. Der Man von Marta, hat immer noch nicht zurückgerufen. Marta sendete ihm eine SMS, eine Whatsapp Nachricht und versuchte ihm noch paar Mal telefonisch zu erreichen. Ohne Erfolg. Der Arzt sagte, dass die Operation 2 Stunde dauern kann.

Marta setzte sich im Korridor vor dem Operationstrakt. Es wurde sehr ruhig, sie war allein. Endlich klingelte das Telefon, es war fast Mittelnacht. Hans rief sie an. Marta erklärte ihm die Situation und bat ihm ins Kinderspital zu kommen. Hans antwortete, dass es wenig Sinn macht, er kann sowieso nichts machen und hat Alkohol getrunken was bedeutet, er kann nicht Autofahren. Marta war sprachlos. Sie wollte ihn anschreien, dass er ein Arschloch ist und er soll gefälligst sofort ins Kinderspital kommen, schlussendlich liegt sein Jüngste auf dem Operationstisch. Aber sie brachte kein Wort über die Lippen und beendete das Telefon ohne sich zu Verabschieden. Die anschliessenden Stunden fühlten sich an wie eine Ewigkeit. Das Licht wurde gelöscht und Marta sass im Dunkeln. Sie wartete, bis sich die Tür öffnet und jemand ihr erklärt wie die Operation verlaufen ist. Die vorhergesagten zwei Stunden waren längst um. Marta begann sich die schlimmsten Bilder zu malen. Sie fühle sich elend, einsam und verlassen. Es war fast halb 3 als der Arzt kam und sagte, dass alles gut gelaufen ist. Der Kleiner wird bis morgen früh schlafen und sie sollte vor 8 kommen, bevor er aufwacht.

Marta war extrem erleichtert. Sie verliess das Spital. Das Auto mit offene Tür und der Decke auf dem Dach, die sie dort gelassen hatte, stand immer noch in Parkverbot ohne Busse. Marta stieg ein und fuhr nach Hause. Die zwei Älteren schliefen ruhig in ihren Betten. Marta legte sich hin und gab sich ein Wecker auf 6 Uhr am Morgen. Vor ihr waren 2,5 Stunden Schlaf. Sie war so fertig, dass sie sofort einschlief. Sie schreckte aus dem Schlaf aus der Wecker bergan zu läuten. Sie weckte den Ältesten und erklärte ihm was passierte. Dann sagte sie ihm, dass sie ins Spital fahren wird und er Frühstück vorbereiten soll und schaut, dass alles in Ordnung ist. Sie fuhr zum Spital, suchte lang einen Parkplatz und war um 7.30 am Bett ihres Jüngsten. Er schlief noch. Nach einer Stunde erwachte er und streckte sofort seine gesunde Hand nach Marta. Sie streichelte ihm die Haare, küsste ihn und erklärte ihm , was gestern passierte. Da kam schon der Arzt zu Kontrolle. Alles schien gut geklappt zu haben. Der Jüngste hatte ein bunter Gips und gemäss Arzt konnte er heute nach dem Mittag nach Hause fahren. Marta war sehr erleichtert. Sie rief Hans an und fragte ihm ob er nach Hause kommen konnte und den Jüngsten im Spital abholen konnte. Hans sagte, dass er es sicher machen kann, aber er rechne damit, dass es erst gegen Abend sein wird, wenn das Schwingfest fertig ist und er der Vater in den Zug setzt. Marta wurde wütend, aber konnte wieder kein Wort rausbringen. Wie kann es sein, dass ihm das Schwingfest wichtiger ist als sein Sohn? Sie sagte zu Hans, dass sie es selber macht und beendete das Telefon. Als sie das Telefon versorgte, merkte sie, dass in ihrem Inneren etwas zerbrochen ist. Das Urvertrauen, dass Hans für sie und für die Familie da sein wird, wenn sie ihn braucht, war weg. Sie traute ihrem Hans nicht mehr. Sie fühlte sich im Stich gelassen

Sie erklärte dem Jüngsten, dass sie ihn jetzt für ein paar Stunden allein in Spital lässt, aber kurz nach dem Mittag kommt um ihn mit seinen Brüdern abzuholen Er war ein bisschen weinerlich, weil er nicht allein sein wollte, aber schlussendlich willigte er ein. Marta fuhr nach Hause in der Hoffnung, dass sie vielleicht ein wenig schlafen konnte, aber als sie sich in Bett legte, rasten ihr so viel Gedanken durch den Kopf, dass sie nicht einschlafen konnte. Nach einer halben Stunde stand sie auf, duschte sich, nahm beide Jungs und fuhr wieder ins Spital. Sie war sehr müde und musste aufpassen beim Autofahren keine Fehler zu machen.

Sie packten den Kleinen ins Auto, nahmen von der Krankenschwester die Schmerzmedikamente entgegen und fuhren langsam nach Hause. Auf der Höhe des Friedhofes wurde der Jüngste sehr Bleich und begann sich zu übergeben. Der Mittlere Bruder der neben ihm sass, hob seinen Kopf. Marta hielt das Auto auf dem Trottoir. Ja, die Krankenschwester warnte sie, dass es mag sein, dass ihm wegen der Narkose übel werden kann. Das erbrochene stank grässlich und war überall im Auto verteilt. Alle stiegen aus und setzen sich mit dem Kleinstem im Grass. Er war kreidebleich. Marta putze die Sitze notdürftig. Nach einer Weile setzten sie sich wieder ins Auto und fuhren sehr langsam nach Hause ohne weitere Zwischenfälle.

In dem Moment als Stucki der Schlussgang gegen Wicki gewann und Schwingerkönig wurde, hat Marta das Auto von Erbrochenem fertig geputzt. Ihr Mann Hans ist spät am Abend heimgekommen. Die zwei gesunden Jungs begrüssten ihn, Marta schaute ihm an aber sah nicht mehr der Man in dem sie sich verliebt hatte und mit dem sie der Rest ihres Lebens verbringen wolle.

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