Michaela Merz

Körpertausch im Jahre 2112

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Mein Jüngster konnte nicht einschlafen. Er verlangte nach einer Geschichte.

Maria hat sich wie jeden Monat für Samstag für einen Körpertausch angemeldet. Es war der 8. Oktober 2112.
Das bedeutete, dass ihre Seele den Tag im Körper einer anderen Person verbringen würde. Man startet um 7 Uhr morgens und endet um 7 Uhr abends. Bei der Anmeldung checkte Maria das Alter, Geschlecht und das Krankheitsbild. Wie immer entschied sie sich für eine Frau zwischen 90 und 100. Dieses Mal wählte sie eine Dame, die auf einem Auge erblindet war, mit einfachen körperlichen Beschwerden.

 

Als am Samstag um 7 Uhr morgens der Tausch startete, spürte Maria sofort ihre Gelenke. Die taten weh, waren steif und kaum beweglich. Der Blickwinkel war durch das eine blinde Auge stark eingeschränkt und Maria schaffte es nur mit Mühe sich für eine Tasse Tee in die Küche zu schleppen. Maria wusste, dass sie den Tag mit lesen, Filme schauen und telefonieren verbringen musste. Mehr erlaubte der Körper dieser alten Frau nicht. Aber auch das war, wie sich später zeigen sollte, sehr ambitioniert. Maria ermüdete sehr schnell und musste sich mehrmals hinlegen. Sie hatte keine Lust etwas zu essen oder zu trinken aber sie zwang sich ein bisschen Suppe zu essen, um nicht noch schwächer zu werden.

Der Nachmittag schleppte sich unglaublich langsam dahin und Maria schaute fast jede 10 Minuten auf die Uhr. Wann endlich würde es 7 Uhr abends sein, wenn sie endlich in ihren Körper zurück schlüpfen und mit Peter in den Ausgang aufbrechen konnte. Sie freute sich riesig. Warum tat sie sich diesen qualvollen Körpertausch überhaupt an, fragte sie sich selber. Aber sie wusste es genau. Fast alle taten das Gleiche, um dann im Alter ausreichend Zeitguthaben angespart zu haben, um sich in einen jungen Körper zurück zu tauschen und das Leben trotz hohen Alters für ein paar Stunden im Körper eines Anderen zu geniessen.

Kurz nach 4 Uhr am Nachmittag fühlte sie sich plötzlich elend, sehr elend. Sie wusste, dass sie jetzt den Notfallknopf betätigen musste. Sie wusste, dass wenn dieser geliehene Körper jetzt den Dienst aufgegeben würde – sterben würde – so wäre auch ihre Seele ohne Transfer in ihren eigenen Körper weg. Sie schaute mit Panik, wo sie den Notknopf hingelegt hatte. Die Panik und das Unwohlsein in ihr stiegen. Plötzlich durchstrahlten ihren ausgeliehenen Körper heftige Zuckungen und Maria sackte ohne jeglichen Laut zu Boden. Sie war tot. Der Notfallknopf lag auf dem Beistelltisch neben dem Stuhl auf dem sie gesessen hatte, den sie aber wegen dem erblindeten Auge aus diesem Winkel gar nicht mehr sehen konnte.

Doof gelaufen, hat sich der Leiter des Austauschprogramms gedacht, als er die Nachricht erhielt, dass die Kundin während des Austausches starb und die Austauschseele nun weg war. Jetzt hatte er ein administratives Verfahren am Hals, der Bonus würde ihm gekürzt und ein Haftungsfall wird es ebenfalls. Noch dazu muss er sich mit dem anderen jüngeren Körper mit der darin gefangenen Seele der alten Frau auseinandersetzen. Er wusste, auch das wird heftig. Darum machte er selber NIE einen Körpertausch. Eine Panne kann immer passieren und für den Rest des Lebens in einen fremden Körper gefangen zu sein, der Gedanke schien ihm unerträglich.

Bildquelle: Markus Hein  / pixelio.de

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