Michaela Merz


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Die Nähe zum Kunden


Klaus Steves / pixelio.de

Seit etwa fünf Jahren beobachte ich, wie meine Kunden, die bis anhin keinen Kontakt zu ihren Endkunden und ihre Produkte nur via Zwischenhändler auf den Markt gebracht hatten, versuchen, die Nähe zu ihren Endkunden zu erlangen. Sie sammeln Daten über die Kunden so oft es nur geht. Sie versuchen die Zwischenhändler auszuschalten und das bessere Verständnis dafür, was auf dem Markt gefragt ist, zu gewinnen. Die stärkere Bindung der Endkonsumenten ist der eindeutige Trend. Als Endresultat kaufen wir fast alles online und der Kontakt zu lebenden Menschen kommt immer seltener vor.

Ich mag mich erinnern, wie ich als Kleinkind mit meiner Grossmutter in die Molkerei gegangen bin, um am Morgen frische Milch zu holen. Das war ein gesellschaftliches Ereignis. Die Grossmutter hat sich sorgfältig frisiert und den leichten roten Lippenstift aufgetragen. In dem Milchladen gab es nur eine einzige Verkäuferin, vor der ich mich gleichzeitig gefürchtet habe und von der ich grenzenlos fasziniert war. Sie war gross und sehr laut. Sie trug weisse Kleider, eine weisse Schürze und in den kurzen Haaren ein weisses Haarband mit Spitzen, die ihr welliges Haar bändigten. Auch sie trug roten Lippenstift aber im Vergleich zu meiner Grossmutter keinen dezenten, sondern einen grellen, schreiend roten. Meine Grossmutter nannte sie Schkobiska. Wie sie in Wirklichkeit geheissen hat, weiss ich nicht.

Es ist aber nie nur darum gegangen, Milch oder Quark zu kaufen. Wir waren auch selten allein in dem Laden. Der Laden war am Morgen der gesellschaftliche Mittelpunkt im Quartier. Man tauschte Neuigkeiten aus, lobte sich gegenseitig wegen neuer Kleidungsstücke oder bekam Mitleid, wenn etwas Unangenehmes in der Familie passiert ist. Ich ging gerne mit Grossmutter und wartete immer gespannt, was wir heute so alles erleben würden. Neben den Milchprodukten bekam die Grossmutter lokale Nachrichten (frisch ab Presse) wie auch den Anschluss an die soziale Gemeinschaft, obwohl wir in einer grossen Hauptstadt wohnten.

Meine Mutter bestellt heute viele ihrer Esswaren online, die dann direkt nach Hause geliefert wird. Das ist praktisch, günstig und sie muss nichts Schweres schleppen. Wir haben es ihr beigebracht, als sie sich das Bein gebrochen hatte und nicht in den Laden gehen konnte. Aber sie geht dennoch fast jeden Tag in den Laden um die Ecke, um etwas Kleines zu kaufen. Es geht gar nicht um den Einkauf als solchen, sondern um den Weg und die Begegnung mit all den vielen Leuten, die sie seit Jahrzehnten kennt (inklusive viele ihre ehemaligen Schüler) und mit denen sie Neuigkeiten austauscht aber auch Empathie empfängt und gibt.

Es mag sein, dass wir in naher Zukunft die Mehrheit im Internet kaufen werden. Kluge Algorithmen werden unsere Fragen beantworten und das Passende für uns aussuchen.

Für die menschliche Begegnung aber, werden wir extra zahlen müssen und die Empathie wird als separate Leistung verkauft werden.


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Körpertausch im Jahre 2112


Mein Jüngster konnte nicht einschlafen. Er verlangte nach einer Geschichte.

Maria hat sich wie jeden Monat für Samstag für einen Körpertausch angemeldet. Es war der 8. Oktober 2112.
Das bedeutete, dass ihre Seele den Tag im Körper einer anderen Person verbringen würde. Man startet um 7 Uhr morgens und endet um 7 Uhr abends. Bei der Anmeldung checkte Maria das Alter, Geschlecht und das Krankheitsbild. Wie immer entschied sie sich für eine Frau zwischen 90 und 100. Dieses Mal wählte sie eine Dame, die auf einem Auge erblindet war, mit einfachen körperlichen Beschwerden. Continue reading


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Our world in 2030


When I read George Orwell’s book, 1984, in the eighties of the last century, it was a lovely and at the same time ghostly experience. At the time the book was forbidden and you were not allowed to possess it and also not read it. A large group of us met in an apartment, in which I had never been in my life and we took turns in reading it aloud. We drank tea and ate pickled gherkins, because there was nothing else. A group reading is something wonderful, because afterwards one can have a lively discussion. But the story of this book is frightening and it sent a shiver down my spine. The idea that I could live in a society which observes me at every step and knows everything about me and corrects me, if I do not feel as the state envisages, was simply awful.

After we had read the book, in the last century we agreed that in the near future this scenario is rather improbable, because the state does not have the technical resources to observe its citizens so closely. That was a feeling of relief, but the fundamental discomfort remained. Continue reading


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Unsere Welt im Jahre 2030


Videoüberwachung, Überwachungskameras

Als ich in den 80 Jahren des letzten Jahrhunderts das Buch 1984 von George Orwell las, war es ein schönes und gleichzeitig gespenstisches Erlebnis. Das Buch war damals verboten und man durfte es nicht besitzen und auch nicht lesen. Wir trafen uns in einer grossen Gruppe in einer Wohnung, in der ich noch nie im Leben war und wechselten uns beim Vorlesen ab. Dazu tranken wir Tee und assen Essiggurken, da es sonst nichts gab. So eine Gruppenlesung ist etwas Wunderbares, weil man es anschliessend leidenschaftlich diskutieren kann. Die Geschichte dieses Buches ist jedoch beängstigend und mir ist es damals kalt über den Rücken gelaufen. Die Vorstellung, dass ich in einer Gesellschaft leben könnte, die mich Schritt und Tritt überwacht und alles über mich weiss und mich zu Recht weist, wenn ich nicht so spure, wie es sich der Staat vorstellt, war einfach vernichtend übel.

Nachdem wir das Buch gelesen hatten, haben wir uns im letzten Jahrhundert darauf geeinigt, dass dieses Szenario in naher Zukunft eher unwahrscheinlich ist, da der Staat die technischen Mittel nicht habe, um seine Bürger so umfassend zu überwachen. Das war ein erleichterndes Gefühl aber das grundsätzliche Unbehagen blieb. Continue reading