Michaela Merz

Vedi Napoli e poi muori!! Neapel sehen und sterben

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Als Kind habe ich diesen Satz gelesen und stellte mir vor, dass nach Napoli zu fahren das Allerletzte wäre, was man machen sollte, wenn man danach dann sterben würde. Meine Interpretation des berühmten Zitates von Goethe war natürlich grundlegend falsch. Trotzdem war Neapel für mich ein Symbol des Sterbens und nicht des Lebens. Egal ob ich über den Krater Vesuv, die unglückliche verschüttete Ortschaft Pompeji oder die todbringende Camorra nachdachte. Aber es gibt halt wirklich viel, was man vor Ort anschauen und bewundern kann und so bin ich schlussendlich letzthin dennoch hingefahren. Trotz dem leicht mulmigem Gefühl basierend auf meiner frühkindlichen, falschen Interpretation.

Ich war erkältet und fühlte mich nicht besonders gut, alles war aber gebucht und so hoffte ich auf Besserung. Das Gegenteil ist eingetreten. Die Grippe hat mich nach der Ankunft völlig umgehauen. Der Hals schmerzte wie wenn mich in kurzem Abständen jemand mit Messer hineingestochen hätte, bei jedem Hustenanfall dachte ich dass ein Teil meiner Lunge mitgekommen sei und die Glieder und mein Kopf taten so weh, dass ich die ersten zwei Tage nichts tun konnte – ausser zu schlafen.

Am dritten Tag bin ich erwacht und es ging mir immer noch nicht gut, aber mindestens hatte ich das Gefühl gehabt, jetzt ginge es langsam aufwärts. So verbrachte ich meinen Tag im Bett und schaute aus dem Fenster, was sich so alles in Neapel tat. Mein Fenster war Richtung Meer und unter meinem Fenster war eine schmale Strasse NUR FUR FUSSGÄNGER zu einer Festung. Ich beobachtete die unheimliche Kreativität der lokalen Bevölkerung mit welcher Vielfalt sie die Beobachtungskamera, die diesen Weg gefilmt hatte ausgetricksten. Die Motorradfahrer sind abgestiegen, haben ihre Motorräder umgedreht und rückwärts reingestossen. Wahrscheinlich weil so das Kennzeichnen nicht zu erkennen war. Nach ein paar Metern, wo die Reichweite der Kamera aufhörte, setzten sie sich drauf und fuhren weiter. Ein Autofahrer ist gekommen, öffnete den Kofferraum und zog über den hinteren Teil des Autos eine Decke, um das Kennzeichen zu verdecken und fuhr dann ebenfalls weiter. Das Abdecken des Autokennzeichens wurde mit den unterschiedlichsten Materialien praktiziert: mit Papier, Karton, Stoff, zwei Helmen. Über das Fahrverbot haben sich so viele hinweg gesetzt, dass ich nach 10 aufhörte zu zahlen.

So sah ich dem bunten, sehr lebendigem Treiben zu. Ich beobachtete unzählige, ungewöhnliche Szenen zum Beispiel wie zum Beispiel die Strassenhändler in Gangs unterwegs sind und dass sie sich gegenseitig über ankommende Polizeikontrollen verständigen. Ich sah, wie die Blumenverkäufer gezielt ihre Kunden ansteuern und wie die Gruppendynamik in den Gruppen der Jugendlichen dazu führt, dass gefährlicher Blödsinn gemacht wird, zb dass für die Selfies auf alles Mögliche und Unmögliche rein- und raufgeklettert wird.

Dann begann mein Kopf langsam wieder zu funktionieren und ich las, dass in dem Gebäude, in dem ich logierte, der Opernsänger Enrico Caruso am 2.8.1921 an einer Rippenfellentzündung gestorben war. Obwohl er selbst in Neapel in armen Verhältnissen geboren, hat er eine beeindruckende Karriere mit zum Beispiel 863 Auftritten in der Metropolitan Opera in New York hingelegt. Da er aber im Jahre 1901, als er in Neapel aufgetreten war, von der lokalen Presse zerrissen wurde, hat er sich für den Rest seines Lebens geweigert, in seiner Geburtsstadt noch mal aufzutreten. Ob er in dem gleichen Raum starb, wo ich jetzt lag, konnte ich – glücklicherweise – nicht herausfinden.

Und so sah ich gar nichts. Ich besuchte weder die Altstadt noch die Katakomben, ich bestieg weder den Vesuv noch den Castel Sant’Elmo, ich sah weder Pompeji noch die Einkaufsmeile Via Toledo.  Die Sachen, die ich mir vorgenommen hatte sind ALLE ohne Ausnahme unerledigt geblieben. Ich lernte Neapel von seiner alltäglichen Seite kennen. Ich sah die Müllabfuhr am Morgen, die johlenden Touristen am Abend, die ausfahrenden Fischer und ich las Einiges über die Stadt. Zum Beispiel, dass die Neapolitaner während der legendären quattro giornate die Stadt Neapel aus eigener Kraft, noch vor dem Eintreffen der Alliierten, von den Faschisten befreiten. Oder das der 23-jährige Unteroffizier Salvo d’Acquisto sich selbst fälschlicherweise eines Anschlages auf die Deutschen bezichtigte und so das Leben von 22 willkürlich verhafteten Zivilisten rettete. Sein eigenes hat es ihn gekostet.  Beeindruckend oder!!

Tipps kann ich also nicht wirklich geben. Zum Sterben ist Neapel ungeeignet. Aber auf einem Besuch stirbt man ja normalerweise nicht.

Bildquelle: Horst Schroeder / pixelio.de

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