Michaela Merz

Wer einmal schlägt, wird wieder schlagen

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Oscar hat auf Vivien eine magische Anziehungskraft ausgeübt. Vivien fühlte sich so lebendig in Oscars Gegenwart. Der Alltag verwandelte sich in ein grosses Abenteuer. Oscar sah die Welt anders als die Mehrheit der Menschen. Er war belesen, bereist, konnte spannend erzählen, war leidenschaftlich, hatte überraschende Ansichten auf alltägliche Dinge und konnte aus dem Nichts eine Zauberwelt entstehen lassen.

Wer wäre da nicht fasziniert. Vivien war 10 Jahre jünger und Oscar erschien ihr wie eine Oase in der Wüste, wie ein unerwartetes Geschenk, das sie überhaupt nicht verdiente.

 

Vivien war überrascht, dass sich Oscar für sie interessierte und als sie Paar wurden, konnte sie ihr Glück kaum glauben. Die Tatsache, dass Oscar darauf beharrte ihre Beziehung geheim zu halten, störte sie nicht.

Vivien genoss das unheimliche Glück, dem sie begegnet war und verbrachte jede freie Minute mit Oscar. Es wurde nie langweilig, eher umgekehrt. Je mehr Zeit sie mit ihm verbrachte, umso mehr wuchs ihre Bewunderung für alles was Oscar wusste, erlebte, machte.

An einem Freitag schlug Oscar vor, dass sie in einen Musikclub gehen. Da er erwartete, dass dort einige seiner Freunde sein konnten, verlangte er von Vivien, dass sie sich beide so benähmen, als ob sie gute Kollegen wären. Nicht mehr und nicht weniger. Vivien sah darin kein Problem und so sind beide gegangen. Es war ein gelungener Abend. Die Musik spielte toll, es gab einige Kollegen, die Oscar kannten und die sehr unterhaltsam waren. Da Vivien wusste, wie wichtig es Oscar war, ihre Beziehung geheim zu halten, unterhielt sie sich mit vielen der Anwesenden und genoss den Abend ohne gross Oscars Nähe zu kommen. Es war schon spät als Oscar zu ihr kam und es war offensichtlich, dass er sehr verärgert war. Er flüsterte Vivien ins Ohr, dass sie nun nach Hause gehen würden.

Vivien verabschiedete sich und folgte Oscar, der schon rausgegangen war. Vor dem Club war er nicht und Vivien sah wie er weiter vorne in Richtung Bahnhof marschierte. Sie musste rennen, um ihn einzuholen. Kaum hat sie ihn erreicht, schrie Oscar sie an. Vivien blieb erschrocken stehen. Die Eifersuchtsszene, die Oscar mitten in der Nacht auf dem zum Glück leeren Gehsteig lieferte war eines grossen Theaters würdig. Vivien verstand seine Reaktion nur teilweise. Ja klar hat sie sich mit Oscar an dem Abend kaum unterhalten, aber war es nicht sein ausdrücklicher Wunsch gewesen? Er hätte es doch während des Abends selber ändern können. Warum hat er es nicht getan? Oscar schrie sie an und Vivien schwieg. Und je ruhiger Vivien wurde, umso wütender wurde Oscar. Plötzlich hob er die Hand und seine rechte Hand schlug Vivien ins Gesicht. Vivien, die den Schlag nicht erwartet hatte, fiel um. Aber da hatte sich Oscar schon umgedreht und war weiter gegangen.

Vivien spürte Blut auf der Zunge, da ihr die Lippe aufgeplatzt war. Sie blieb eine Zeitlang sitzen und Tränen rollten ihr die Wangen herunter und vermischten sich mit Blut. Es schmeckte salzig und verloren auf ihre Zunge. Jemand bückte sich zu ihr und fragte, ob sie Hilfe braucht. Sie verneinte und richtete sich auf. Sie wies die Hilfe ab und rief sich ein Uber, um nach Hause zu kommen.

Aus dem Traum wurde ein Alptraum. Vivien wusste, wer einmal schlägt, wird wieder schlagen. So war es bei Ihnen zu Hause gewesen. Jahrelang. Bis zum Tod ihres Vaters, als er betrunken unter den Zug stürzte.

Wer einmal schlägt wird wieder schlagen, wiederholte sich Vivien und löschte Oscars Telefonnummer aus ihrem Adressbuch.

Bildquelle: S. Hofschlaeger  / pixelio.de

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