Michaela Merz

Quartierfest

Leave a comment

Ich bin aus dem Quartier vor zehn Jahren weggezogen. Es hat es keinen Grund gegeben, um zwischenzeitlich zurückzukehren. Verkehrstechnisch lag das Quartier wunderbar ruhig aber abseits. Somit bin ich in den letzten zehn Jahren vielleicht nur sechs Mal durchgefahren. Ein einziges Mal vor mehr als fünf Jahren bin ich in einem Geschäft meinem vormaligen Nachbarn begegnet.

Letzten Samstag gab es dort ein Fest. Publiziert wurde es auf Zetteln, die im Quartier aufgehängt waren. Ich hätte nie erfahren, wenn mich meine älteste Tochter, informiert durch ihre Kindheitsfreundinnen, die immer noch von Ort leben, nicht mitgenommen hatte. Im Quartier hat sich sehr wenig verändert. Es war, wie wenn ich nach langen Ferien zurückgekehrt wäre.

Was sich geändert hat, waren die Leute. Ich habe sie alle auf Anhieb erkannt und obwohl ich Mühe hatte, mich an die Namen zu erinnern (aber dieses Problem begleitet mich sowieso in meinem Leben) konnte ich die Alteingesessenen immer noch einwandfrei zum jeweiligen Ehepartner und zum Wohnort zuordnen. Von den mittlerweile erwachsenen Kindern erkannte ich nur diejenigen, die meine Kinder auch an unserem neuen Wohnort besucht hatten.

Es war wie, als ob man einen Stein in Wasser wirft und nach 10 Jahren wieder herausfischt. Er hat sich kaum verändert.

Die einzige, gut wahrnehmbare Veränderung war das Aussehen der Leute. Die Haare wurden bei manchen weiss oder grau, die Anzahl und Tiefe der Falten hat sich verändert. Abgesehen davon ist Alles beim Alten geblieben. Die Schlanken von damals sind schlank geblieben, die Dicken auch. Mit denen, mit denen ich gut lachen konnte, habe ich auch diesmal gelacht und die Langweiler von damals sind auch bis heute langweilig geblieben.

Ich habe mich mit den direkten Nachbarn an die gute alte Zeit erinnert und uns nochmals die Geschichten erzählt, die uns damals bewegt hatten. Zum Beispiel wie damals mein riesiger Tiefkühler an einem Sonntag den Geist aufgegeben hatte. Der Tiefkühler war bis an den Rand gefüllt mit hausgemachten Sachen, mit Portionen von Muttermilch für mein jüngstes Neugeborenes, mit Früchten und Gemüse aus dem Garten. Ich war todunglücklich und verzweifelt die Arbeit von so vielen Stunden zu verlieren. Dann ist mir in den Sinn gekommen, dass ich es bei meinen Nachbarn verteilen könnte. Ich bin dann von Tür zu Tür gegangen und habe meine Ware zwei Stunden lang, je nach Platz, verteilt. In der kommenden Woche habe ich mir einen neuen Tiefkühler gekauft, konnte mich jedoch nicht mehr erinnern, wo ich was untergebracht hatte. Die Nachbarn kamen selber, brachten das Aufbewahrte zurück, tranken einen Kaffee und man hielt einen kurzen Schwatz. Es war wunderbar. Eine Nachbarshilfe wie sie im Buche steht.

Oder damals, als die Nachbarsjungen ein Fest bis in die frühen Morgenstunden feierten und anschliessend im winzigen Garten meines Reihen-Einfamilienhäuschens Erbrochenes und Flaschen lagen. Gott war ich nicht erfreut, aber die Pubertät ist halt ein schwieriges Alter. Ich wartete ein bisschen und holte die Nachbarsjung kurz vor dem Mittag aus ihren Betten. Ich empfahl ihnen meinen Garten so schnell wie möglich wieder in Ordnung zu bringen. Dies taten sie reumütig mit perfekter Umsetzung. Unsere Beziehung hat sich dadurch verfestigt und so etwas hat sich nie wiederholt.

Bei Lärm hat man angeklopft und um Ruhe gebeten, aber sicher nicht die Polizei gerufen. Man sprach bei Konflikten miteinander und fand immer eine Lösung.

Als ich spät in der Nacht gehen wollte, hielt mich mein ehemaliger Nachbar am Arm fest und sagte: “Komm doch bitte wieder zurück. Ihr ward die besten Nachbarn, die ich je hatte“. Das tat so gut und war so was unheimlich Herzerwärmendes und Nettes.

Und es stimmt, es ist ein super Quartier, was die Leute anbetrifft. Man redet miteinander, hilft sich, findet pragmatische Wege. Das vermisse ich an meinem neuen Wohnort sehr. Im meinem neuem Quartier kennt man sich kaum und bei Lärm um kurz nach 22 wird gleich die Polizei gerufen.

Das Quartierfest war sehr gelungen und ich bin nur widerwillig und wehmütig nach Hause gegangen. Aber man kann auch nicht den gleichen Steine zwei Mal in das gleiche Wasser werfen.

Bildquelle: Marco Barnebeck(Telemarco)  / pixelio.de

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s