Michaela Merz

Apfelverkauf für Caritas Zürich

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Ich habe das wahnsinnige Glück auf der Sonnenseite des Lebens gelandet zu sein. Günstige biologische, familiäre wie auch gesellschaftliche Konditionen haben dazu wesentlich beigetragen und mir haben sich Chancen geboten, die ich einfach nur gepackt habe.

Ich bin mir wohl bewusst, dass es in meinem Leben ganz anders hätte laufen können. Es wäre naiv zu denken, dass man alles selber ändern könnte, wenn die Startbedingungen nicht so günstig gewesen wären. So sitzt in mir eine tiefe Dankbarkeit und Demut für das, was ich habe. Den Leuten, mit denen ich arbeite, geht es ähnlich. Wir wissen, dass wir privilegiert sind. Darum versuchen wir etwas zurückzugeben an die, die nicht so viel Glück hatten wie wir. So verkaufen wir dieses Jahr Äpfel für Caritas Zürich. Ein Apfel für 5 Franken und der Erlös geht an Kinder, die in Armut leben. Ja, das gibt es, sehr gut versteckt in der reichen Schweiz.

Zuerst musste ich lernen, dass es einfacher ist, Geld zu spenden, um eine gute Tat zu tun, als für jemand anderen zu arbeiten. Geld sendet man, das Gewissen ist beruhigt und in zwei Minuten ist alles erledigt. Für gemeinnützige Arbeit wie einen Strassenverkauf braucht man Infrastruktur (das Zelt, die Äpfel, Infoblätter) und das kostet schon mal vorab. Dann benötigt jeder Verkäufer auch noch eine polizeiliche Bewilligung, die zwei A4 Seiten lang ist.

Es ist Donnerstag um 1 Uhr nachmittags, es ist der Tag des Wetterumschwungs. Am Mittwoch hatten wir noch Sommer mit fast 30 Grad. Heute nun haben wir herbstliche 15 Grad und heftigen Regen.

Wir haben uns aufgeteilt in Zweier-Teams. Jeder von uns ist mit dem Namen angeschrieben und trägt eine rote Kappe mit der Aufschrift Caritas. Die Äpfel tragen wir in Körben und starten bei strömendem Regen vom Paradeplatz, dem Symbol von Geld und Macht, aus.

Es ist nicht einfach wildfremde Menschen anzusprechen und ihnen einen Apfel für 5 Franken zu verkaufen. Der Zweck des Verkaufes ist wichtig und darum fällt es mir nach 60 Sekunden leicht und ich frage jeden, der vorbei geht oder eilt. Und das ist das Problem. Im Regen Leute anzuhalten und mit ihnen zu sprechen, ist wirklich schwierig. Alle versuchen, sich zu verstecken und zu schützen. Auf einen Schwatz hat niemand Lust.

Es braucht eine Strategieänderung, darum suchen meine Kollegin Sandra und ich ein Dach Die Tramstation, Eingänge von Geschäften, Passagen und da sind Gott sei Dank einige an der Bahnhofstrasse und in der Umgebung.

Bei dieser Tätigkeit lernt man die Leute kennen. Wir haben an diesem Nachmittag etwa 80 Äpfel verkauft aber es hat zum Beispiel kein einziger Herr im Anzug, und glaubt mir, davon gibt es viele rund um die Bahnhofstrasse, auch nur einen einzigen Apfel gekauft. Eine Ausnahme gab es, da ich meine Kollegen Andrew und Roland getroffen habe, die mit Anzug bekleidet waren und mein Vorhaben mit einer grosszügigen Spende unterstützten.

Man sollte Leute nicht nach ihren Kleidern beurteilen, aber an diesem Nachmittag waren die Kleider das Kriterium. Je schicker, modischer und teurer gekleidet jemand war, umso kleiner war die Chance, dass er oder sie einen Apfel kauft oder Geld spendet. Am besten lief der Verkauf vor der Migros und dem angrenzenden Bioladen. Dort ist uns der Apfelvorrat ausgegangen. Zurück zum Apfellager am Paradeplatz war es uns zu weit und so kauften wir im Bioladen weitere Äpfel und setzten unseren Verkauf ohne Verzögerung fort.

Ehrlich gesagt ist schwierig zu sagen, wer bereit ist zu kaufen. Ich habe gute Erfahrungen mit Handwerkern, jungen Menschen zwischen 20 und 30 Jahren aus der eher alternativen Ecke gemacht.

Ein „Nein danke“ hat mir nichts ausgemacht. Das ist das gute Recht jedes Einzelnen. Ausreden sind mir auf die Nerven gegangen. Man hat keine Schweizer Franken – macht nichts, ich kann auch in Euro zurückgeben. Man hat kein Münz – kein Problem, ich kann auch eine 1000er Note wechseln. Man verstehe die Sprache nicht – auch kein Problem: Sandra deckte Französisch und Italienisch ab und ich die slawischen Sprachen. Man habe gerade gar kein Geld dabei – ich komme mit, wo auch immer die Geldbörse liegen mag. Man habe nur Kreditkarten. Dort habe ich kapituliert und das nächste Mal werde ich eine Kreditkartenmaschine dabei haben. Nein, ich war keine aggressive Verkäuferin, ich hatte höflich gefragt, bedankte mich und machte Witze, um Leichtigkeit reinzubringen.

Die schlimmste Antwort, die ich an diesem Nachmittag bekam, war von einer jungen, sehr stylisch gekleideten Dame. Ich erzähle ihr, dass das Geld an in Armut lebende Kinder geht, die wenig haben. Sie sagte, diese interessieren sie überhaupt nicht, aber ob ich ihr sagen könne, wo sich der Louis Vuitton Laden befindet.

Der Regen erschwerte uns die Arbeit, aber er verhinderte nicht den Erfolg. Wer eine gute Tat tun will, der macht es auch unter widrigen meteorologischen Umständen. Die Sprache ist wichtig und viele Dialoge, die ich an diesem Nachmittag geführt habe, waren sehr bereichernd. Zum Beispiel als ich eine rauchende in Markenklamotten gekleidete Dame vor einem Modegeschäft an der Bahnhofstrasse ansprach. Es war mein letzter Apfel und ich glaubte nicht einmal daran, dass sie ihn mir abkauft. Dazu war sie viel zu teuer angezogen. Die Erfahrung dieses Nachmittages sprach gegen sie. Es war aber der letzte Apfel, es goss wie aus Kübeln und weit und breit sah ich niemand anders. Sie hörte mir zu und holte dann den 5 Fränkler und gab ihn mir. Den Apfel wollte sie nicht. Sie sagte mir, dass sie Verkäuferin in dem Laden sei, vor dem sie stehe. Sie arbeite Teilzeit und als sie mir die Höhe ihres Lohnes nannte, wollte ich ihr die 5 Franken am Liebsten zurückgeben. Ich sprach sie auf die teuren Kleider an, und sie erklärte mir, dies sei ihre Arbeitsuniform, die ihr der Laden zur Verfügung stelle.

Ich hoffe, dass es nicht stimmt, dass die, die wenig haben, spenden und die Wohlhabenderen nicht. Ich hoffe, dass diese eher eine Banküberweisung zu Gunsten der Bedürftigen machen, weil sie dann den Steuernachweis erhalten, mit dem sie die Spende in Abzug bringen können.

 

Ich bedanke mich noch einmal von Herzen, bei allen denen, die an diesem Nachmittag gespendet haben, egal wie wenig es war oder die einen Apfel gekauft haben. Es war für einen wirklich guten Zweck. Ich habe es genossen, solch grosszügigen Leuten zu begegnen und mit ihnen zu sprechen.

 

One thought on “Apfelverkauf für Caritas Zürich

  1. echt beeindruckend!

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