Michaela Merz

Karl und seine Mutter

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Das Geld war bei ihnen immer knapp. Soweit sich Karl zurück erinnern konnte hatte es am Ende jedes Monats eine gähnende Leere in Mutters Haushaltskasse gegeben, die dazu geführt hatte, dass er uraltes Brot zum Znüni mitnehmen müsste oder im schlimmsten Fall gar kein Brot. Aber Peter der Schulnachbar von Karl hat immer mit Karl sein belegtes Brot geteilt. Somit hatte Karl eigentlich nie Hunger gehabt. Karl hat sich mit Hilfe bei der Mathematikprüfung revanchiert und somit hat es zwischen Peter und Karl eine wohl funktionierende Tauschwirtschaft gegeben zur beidseitigen Zufriedenheit.

Karl hat sogar Taschengeld bekommen. Am Anfang des Monats hat ihm seine Mutter sein Monatsgeld ausbezahlt. Karl hat es immer in sein Sparschwein gesteckt, da er sich sehr ein neues Velo gewünscht hat. Am Ende des Monats kam seine Mutter und bettelte ihn an, das Geld was Karl sparte ihr auszuleihen. Das hatte Karl auch gemacht. Mutter hat dann das Geld mit dem Messer aus dem Sparschwein herausgeholt und der geschuldete Betrag in ihr kleines schwarzes Büchlein eingetragen. Karl hat es danach nie mehr gesehen. Das war die einzige Tauschwirtschaft die in seinem Leben überhaupt nicht funktioniert hat. Karl hat sich aber nicht getraut, das Geld der Mutter zu verweigern, da er sich nicht sicher war ob sie es nicht trotzdem genommen hätte und er hat sich auch nicht getraut das Geld auszugeben und allenfalls dann von seiner Mutter beschimpft zu werden.

Für das Problem mit dem Znünibrot hatte er eine Lösung. Für das Problem mit dem Taschengeld hat es keine Lösung gegeben und mit den Kleidern und Schuhen war es noch schlimmer. Da Karls Mutter irgendwie immer knapp bei Kasse war, hatte Karl nie das gehabt was die Gleichaltrigen getragen hatten. Das war schlimm. Karl hatte nicht unter mangelndem Selbstvertrauen gelitten, aber er hatte ja auch kein überrissenes Selbstvertrauen gehabt. Mit den fehlenden modischen Kleidern war er immer anders und das hatte ihn zum Aussenseiter gemacht. Nur im Turnunterricht war es nicht sichtbar und dort konnte er im weissen T-Shirt und den blauen Shorts wie alle brillieren.

Schlimm war es als Onkel Thomas, der viel ältere Cousin von Karls Mutter gestorben ist. Geerbt haben sie nicht wirklich was, aber da Thomas gross und sehr schlank war, war Karl der einzige dem Onkel Thomas Sachen passten. Karl war wenig begeistert. Seine Mutter schon weil sie sagte, dass ab jetzt nichts mehr gekauft wird, bis Thomas Kleider abgetragen sind. Onkel Thomas hat sich teuer und sehr gut gekleidet, aber er war ein Mann Ende sechzig und sein Geschmack entsprach nicht dem Geschmack eines 14 jährigen.

Ab dann trug Karl maßgeschneiderte Hemden mit eingestickten Initialen die nicht zu ihm passten und er wurde täglich durch die Klassenkameraden ausgelacht. Es war nicht zu ertragen aber ändern konnte es Karl auch nicht.

Karl hat es mir erzählt als wir am Flughafen gesessen sind und zufällig ins Gespräch kamen. Karl ging auf die 80 zu aber diese Demütigung in seiner Jugend sass tief in seiner Seele. Ich wollte wissen ob sie wirklich so arm waren. Karl verneinte und sagte eigentlich nicht. Seine Mutter arbeitete, sie hatte eine Witwenrente nachdem sein Vater im 2. Weltkrieg gestorbenen ist. Die Großmutter die bei Ihnen wohnte, trug mit ihrer Rente zur Haushaltskasse bei und sein Stiefvater, der ihn großgezogen hatte, aber den seine Mutter nie geheiratet hatte, um die Witwenrente nicht zu verlieren, arbeitete und verdiente auch. Nein sagte Karl, arm waren nicht aber die Mutter konnte mit Geld überhaupt nicht umgehen. Lebenslang.

 

Bildquelle: Annamartha  / pixelio.de

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