Michaela Merz

Leningrad damals, St. Petersburg heute oder wie ich den Kuss von Rodin verpasst habe

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Damals war ich auf Studentenaustausch in Leningrad. Jahrzehnte ist es her und die Stadt heisst mittlerweile St. Petersburg. Damals wie heute habe ich in der Nähe des Zentrums gewohnt. Unser Studentenheim von damals war fünf Stockwerke hoch. Der Schlafsaal hatte Platz für 30 Mädchen. Duschräume gab es im vierten Stock für die Mädchen und im zweiten Stock für die Knaben. Spartanisch war die Einrichtung.

Um neun Uhr abends schloss die Pförtnerin das Haupteingangstor und wer nicht drin war, musste bis um sechs Uhr morgens warten, bis es wieder aufgeschlossen wurde. Für eine zwanzigjährige aufstrebende Ökonomin wie ich es damals war, schrie diese Regel nach nicht Befolgung. Es dauerte nicht lange und ich fand heraus, dass der Keller unseres Heimes mit dem Keller des Hauses daneben verbunden ist. Das andere Haus blieb die ganze Nacht offen. Die Weg in den Keller war zwar mit einem Gitter versperrt, da ich aber wahrscheinlich weder die erste noch die letzte war, die diese jugendfeindliche Regel nicht befolgte, liess sich einer der Stäbe des Gitters verschieben. In jungen Jahren, wenn man ganz schlank ist, ein perfekter Durchgang.

Der erste Vorlesungstag an der Universität war eine herbe Enttäuschung. Der erste Professor nuschelte so stark, dass ich sein Russisch kaum verstand. Die nachfolgenden Vorlesungen waren sehr ideologisch und zu Tode langweilig. Das Essen in der Kantine ungeniessbar. Nur da hatte ich schon die russischen Ökonomie-Studenten kennengelernt. Die Abende und Nächte habe ich in angeregten ökonomischen und politischen Diskussionen verbracht. Dies begleitet von eingelegten Pilzen, Gurken und Tomaten. Wodka habe ich noch nie gemocht und somit war das Resultat die hervorragende Verbesserung meiner Russisch Kenntnisse (die Russen, die mich damals zufällig trafen, dachten, ich sei eine Russin, wussten einfach nicht genau aus welcher Region). Ausserdem der Verlust von drei Kilos und viele russische, intellektuelle Freunde. Während des Tages habe ich den Schlaf nachgeholt und am Nachmittag habe ich die kulturellen Schätze besucht. Die Vorlesungen habe ich geschwänzt.

Immer wenn mich während unseren nächtlichen Diskussion Zweifel befielen und ich nach Hause und rechtzeitig zu Bett gehen wollte, sagten meine russischen Freunde: „Setz dich, die Brücken sind aufgegangen.“ Ja, wenn man sich um Mitternacht noch auf der anderen Seite des Flusses war, musste man warten bis sich am frühen Morgen die Brücken, die für die Durchfahrt der Schiffe nachts offen waren, wieder schlossen und man nach Hause gelangte. Und alle meine russischen Freunde wohnten natürlich auf der anderen Flussseite. Somit wurde aus meinen guten Vorsätzen nichts.

Es sind mir von damals zwei tiefe Erinnerungen geblieben. Der Besuch in der Eremitage, wo man an die Kunstwerke so nah herantreten konnte, dass man sie berühren könnte. In der Eremitage ist so viel zu sehen, mir hatte es besonders der Kuss von Rodin angetan. Ich sass da und schaute ihn an, stundenlang. Als ich jetzt nach so vielen Jahren wieder in St. Petersburg war und die Eremitage besuchte, musste ich erfahren, dass alle Impressionisten ins neu errichtete Museumsgebäude umgezogen sind. Klar bin ich hingegangen, um sie zu besuchen. Der Rodin Saal befindet sich dort auf dem vierten Stock. Gross war aber meine Enttäuschung, als ich den Kuss nirgendwo sah. Die Aufpasserin erklärte mir, dass er nach Paris für eine Aufstellung ausgeliehen worden ist. In Paris war ich vor einem Monat, aber Rodin ist mir dort nicht in den Sinn gekommen.

Das zweite, prägende Erlebnis von damals war der Besuch einer öffentlichen Toilette bei der Isaak Kirche. Es hatte eine riesen Schlange gegeben. Als ich endlich an der Reihe war, sah ich zwei Reihen Toiletten ohne Türe. Man konnte mit der Person gegenüber ein Gespräch führen. Eine Privatzone gab es keine. Das konnte ich damals nicht.

Heute gib es Toilettenbusse, die bei fast allen Sehenswürdigkeiten zu finden sind. Kostet 20 Rubel, damals 20 Kopeken, die es heute nicht mehr gibt. In diesen Bussen sind sehr viele Toiletten dicht nebeneinander gedrängt untergebracht. Türen gibt es, aber da die Toiletten sehr eng bemessen sind, die Wände sowieso nicht bis zur Decke gehen und bestimmte füllige Personen nicht reinpassen, wird das Ganze zu einem Kollektiverlebnis wie schon damals.

Ich erlebte diesmal unglaubliche sonnige Tage (St. Petersburg hat nur 52 Sonnentage pro Jahr), gepaart mit den weissen Nächten in Juni, wo das Licht so gut wie 23 Stunden vorhanden ist, genoss ich den restaurierten Ekaterina Palast in Puschkin mit seinem neuen Bernsteinzimmer, flog mit dem Heli über die Stadt und sah sie wie nie zuvor. Ich besuchte das Ballett und den Gesang, joggte durch die schlafende, morgendliche Stadt, spasste mit dem Strassenverkäufer, kletterte auf die Spitze der Kuppel der Isaak Kirche und spendete für eine Stadt einen Baum. Es war sehr anders als damals, gediegener, mehr Schlaf in der Nacht, mehr Essen und nicht nur eingelegte Gurken, aber die Leute waren so herzenswarm und offen für einen Schwatz und Scherz. Mein Russisch war ein bisschen eingerostet aber es verbesserte sich mit jeder Diskussion. Nur ungern habe ich die Stadt in Richtung Alltag verlassen. St. Petersburg im Juni ist ein idealer Zeitpunkt. Das Fest der purpurroten Segel muss man einfach gesehen haben.

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