Michaela Merz

Die Blindenführerin

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Ich sass im Zug nach Hamburg Altona. Bis zu Abfahrt waren es noch 14 Minuten und ich bereitete mich auf eine Telefonkonferenz vor. Da betraten zwei Personen mein Abteil. Sie sprachen Hochdeutsch. Ich war mitten in meiner Vorbereitung und blendete ich ihre Konversation völlig aus. Aber etwas an diesem Paar war anders. Da begann sich der Mann zu verabschieden und verliess den Zug. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass die Frau, der Sprache nach eine Deutsche, blind ist. Ich musterte sie und dachte über ihr Schicksal nach, unfähig mich auf meine Arbeit zu konzentrieren. Wenn es wirklich eine Sicherheit im Leben gibt, dann die Tatsache, dass das Leben überhaupt nicht fair ist.
Der Zug setzte sich in Bewegung. Die blinde Frau nahm ein Heft voller weisser Seiten aus ihrem Rucksack und begann mit ihren Fingerspitzen zu lesen.
Dann kam die Durchsage, dass der Zug nur bis Basel fährt und Fahrgäste, die weiter nach Deutschland reisen, den Zug wechseln müssen. Ich begann mich mies zu fühlen. Wie wird die Blinde den Umstieg im hektischen Abendverkehr bewältigen, fragte ich mich. Wird sie den Zug nicht verpassen? Braucht sie vielleicht Hilfe?
Da es aber an der Zeit war, um mich in meine Telefonkonferenz einzuwählen, wurden alle diese Gedanken verscheucht. Kurz vor Ankunft in Basel war ich mit dem Arbeiten fertig. Sie hatte ihr Buch schon eingepackt und war fast fertig zum Aussteigen.
Ich fragte sie, ob sie nach Deutschland fährt und aussteigen muss. Sie verneinte und sagte, dass sie in Basel zu Hause ist. Ich bot ihr meine Hilfe beim Aussteigen an und hatte gleichzeitig Angst, dass sie mein Angebot als Beleidigung empfindet.
Zu meiner Überraschung sagte sie, dass sie froh wäre. Ich half ihr aus dem Waggon, hielt ihren linken Ellbogen und Arm ganz fest und versuchte sie sicher durch das abendliche Chaos am Bahnhof zu führen. Habt ihr so etwas schon je gemacht? Für mich war es eine absolute Premiere und ich realisierte, wie schwierig meine Aufgabe ist und wie mir die Übung fehlt. Ich musste feststellen, dass sich die Leute wie Schafe benehmen, wobei ich mir nicht sicher bin, ob es nicht eigentlich eine Beleidigung für die Schafe ist.

Die Masse der Menschen bewegt sich schnell, chaotisch und völlig rücksichtslos. Manche von ihnen starren beim Laufen auf den Bildschirm ihres Telefons und nehmen die Umgebung gar nicht wahr. Mir war gar nicht klar, welche Strategie Blinde in so eine Situation anwenden, da ich als Sehende schon alle Hände voll zu tun hatte, um mögliche Zusammenstösse zu vermeiden und meine neue Bekannte sicher durch die übervolle Bahnhofshalle zu lotsen.
Sie erzählte mir in diesen paar Minuten über ihr Leben und ich dachte wie verblüffend die Tatsache ist, dass sich das Wesentliche aus einem jahrzehntelangen Leben in paar Minuten zusammenfassen lässt.
Wir schafften es gemeinsam vor den Bahnhof, wo sich unsere Wege trennten. Ich liess sie nur ungern allein, aber sie war sich sehr sicher, dass es für sie kein Problem ist.
Ich denke mehr Rücksicht gegenüber den anderen wäre in unserer leistungsorientierten Gesellschaft schon nötig. Man muss wie immer am besten bei sich selber beginnen.

 

Bildquelle: Katharina Wieland Müller / pixelio.de

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