Michaela Merz

Die Geburt von Chiara

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645845_web_R_by_www.helenesouza.com_pixelio.deLola hat sich ihr Kind sehr gewünscht. Die Schwangerschaft verlief abgesehen von der ab und zu auftretenden Herzarrhythmie ohne jegliche Schwierigkeiten. ‎Lola lebte so wie bis anhin mit Ausnahme der vollständigen Abstinenz was, Alkohol und Zigaretten betrifft. Lola hatte auch nicht viel Zeit sich mit der Schwangerschaft auseinanderzusetzen, da ihre Kollektion wie eine Bombe eingeschlagen hatte und ihr unerwartet viel erfreuliche, aber auch zeitlich ausgiebige Arbeit bescherte. Obwohl sie eigentlich das Kinderzimmer einrichten wollte, blieb ihr nach dem Erfolg in Paris gar keine Zeit dazu.

Es blieb ihr auch keine Zeit über ihre Beziehung zu Alejandro nachzudenken. Sie wohnten zusammen, aber wechselte unter der Woche kaum ein Wort, da sie beide beruflich sehr erfolgreich und sehr eingespannt waren. Obwohl sie sich beide ein Kind gewünscht hatten, bekam Lola immer grössere Bedenken, ob die Zukunft mit einem Kind und Alejandro als Vater wirklich eine gute Idee war. ‎Insbesondere nach dem Vorfall als Alejandro sie im Stich gelassen hatte als sie in Paris war, wurde ihr klar, dass sie in Zukunft sehr wahrscheinlich auf sich selbst gestellt sein wird.

Der Geburtstermin rückte näher und Lola schaffte es knapp die Basisausrüstung an Kinderbekleidung zu beschaffen. Sie dachte, dass sie den Rest nach der Geburt während des Mutterschaftsurlaubs nachholen würde. Die Naivität oder Unerfahrenheit einer Erstgebärenden.

Am Dienstag stand der Abschluss der Verhandlungen für ihre Kollektion mit einem grösseren Abnehmer an. Lola war es klar, dass es das letzte sein wird, was sie noch vor Geburt schaffen würde. Aber am Montag kurz nach Mitternacht erwachte sie mit einem komischen Gefühl. Sie lag im Bett und hörte auf den eigenen Körper. Ja, das Kind hatte begonnen sich auf den Weg zu machen. Lola wusste, dass es noch einige Stunden dauern würde bis es soweit war. Sie stand auf und begann mit den Vorbereitungen. Sie zahlte alle anstehenden Rechnungen, machte das gekaufte Baby Bett endlich parat, hängte ein paar ‎Bilder auf und packte ihre Tasche zusammen. Das Ziehen im Bauch intensivierte sich, aber war noch entfernt von Schmerzen. Lola packte das Altpapier, räumte die Küche auf und holte die Zeitung aus dem Briefkasten. Es war mittlerweile hell geworden. Sie zog sich an, trank Kaffee und las. Um halb sieben erschien Alejandro in der Küche. Er wunderte sich nicht und sagte nur, dass er bis 7 Uhr fertig sein würde.

Lola sagte ganz leise, dass es heute so weit sei. Alejandro schaute sie mit angehobenen Augenbrauen an und sagte nur, dass sie doch heute Verhandlungsabschluss hätte. Lola sagte nichts und dachte nur für sich, dass Alejandro sich ab und zu wie ein Idiot benahm. Es kann doch nicht wahr sein, dass er meint, dass eine Geburt warten kann.

Er fuhr sie beide in Stadt, aber er wollte nicht im Spital parkieren. Er parkierte bei sich im Büro und sie gingen beide zu Fuss in die Klinik. Da war das Ziehen in Lolas Bauch schon sehr spürbar.

Im Spital begannen die Untersuchungen und das Ziehen wurde zu Wehen, die wehtaten. Lola wartete auf die Periduralanästhesie. Das grosse Pressen konnte beginnen. Alejandro war hilflos im Hintergrund, unfähig irgendeine Art von Unterstützung zu leisten. Lola presste. Zwischen zwei Wehen wurde ihr bewusst, dass Alejandro ohne ein Wort verschwunden war. Sie streckte den Hals soweit sie konnte und entdeckte Alejandro hinter der Glaswand wie er telefonierte. Ihr war sofort klar, dass er arbeitete. Aber sie hatte keine Zeit sich zu ärgern, da die nächste Wehe schon da war. Alejandro telefonierte lange, aber er schaffte es knapp zurück als der Arzt ihn fragte, ob er die Nabelschnur durchschneiden will. Nein, Alejandro wollte nicht.

Lola war sehr erschöpft, aber überglücklich als sie ihre kleine Chiara anschauen konnte. Nur irgendwo ganz tief in ihr war ein grosses Fragezeichen, was sie nur mit diesem Alejandro in der Zukunft anfangen wird.

Bildquelle: http://www.helenesouza.com / pixelio.de

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