Michaela Merz

November in New York

Leave a comment

621187_web_R_by_Sylvia Krahl_pixelio.deNew York ist sündhaft teuer, aber für Einmaligkeit zahlt man. Das ist das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Ich habe mir schon immer gewünscht auf der winzig kleinen Eisfläche vor dem Rockefeller Center auf Schlittschuhen meine Runden zu drehen. Der Traum ist in Erfüllung gegangen für “läppische” 29 Dollar Eintritt und 15 Dollar für das Ausleihen der Schlittschuhe‎. Den Adrenalinkick gab es aber schon vorher. Ich sah in den Nachrichten einen Bericht über zwei Männer, die von aussen von einem Lift aus die Fenster des höchsten Gebäudes des World Trade Centers am Ground Zero geputzt hatten.

Der Alptraum aller Fensterputzer wurde wahr, als das linke Seil respektive der Steuerungsmechanismus versagte und die Plattform, auf der die beiden Männer standen, nicht mehr waagrecht, sondern fast senkrecht zu Mutter Erde stand und das alles in luftiger Höhe des 70. Stockes. 90 Minuten hingen die zwei dort und warteten auf ihre Rettung, die aus dem Inneren des Gebäudes durch ein zerschlagenes Fenster kam. Man konnte von aussen das notdürftig reparierte Fenster noch tagelang beobachten. Als am Ende des Interviews die zwei Geretteten gefragt wurden, ob sie weiterhin ihren Beruf ausüben werden, sagte der Jüngere – “Sicher, aber für ein bestimmte Zeit eher im Innendienst. Man muss die Fenster auch von innen putzen”.

Ich habe an die zwei gedacht als ich mich in meinem Hotelzimmer im 28. Stock zum Schlafen parat machte. Da sich der Jet lag brutal bemerkbar machte, war ich innerhalb von Sekunden im Tiefschlaf. Irgendwann weckte mich ein unbekanntes Geräusch, so wie wenn sich ein Wecker oder Radio einschaltet. Ich war verärgert, aber war nicht gewillt mich aus dem Schlaf reissen zu lassen. Und plötzlich sagte jemand in meinem Zimmer, es gibt einen Wasserschaden im 27. Stock, halten Sie sich bitte für weitere Information parat.

Îch setzte mich im Bett auf, machte das Licht an und entdeckte eine Radioanlage unter der Decke. Logisch, dachte ich, man muss die Gäste im Notfall schnell erreichen. Aber was hat ein Wasserschaden ein Stockwerk tiefer mit mir zu tun? Wasser kann weder die Treppe noch den Lift nach oben nehmen, wenn schon, dachte ich, haben die Stockwerke darunter ein Problem.

Ich erinnerte mich wie ich vor Jahren in einem billigen Hotel in London übernachtete. Es war ein altes Gebäude und unsere Zimmer waren im 3. Stock. Wir hatten das Musical Mamma Mia angeschaut und etwa um 1 Uhr stand ich in der Dusche und wollte bald schlafen gehen. Dann kam meine älteste Tochter, die mit mir in London war, in die Dusche. Mami, sagte sie, ich glaube es gibt einen Feueralarm. Es war tatsächlich ein Feueralarm, aber ich war nicht bereit nackt das Zimmer zu verlassen. Innerhalb von Minuten standen wir vor dem Hotel und konnten die Pyjamas unserer Mitbewohner bewundern. Da kam schon die Feuerwehr. Es war kalt und viele zitterten, aber man konnte nicht viel unternehmen. Nach einer halben Stunde war der Spuk vorbei, ein betrunkener Student hatte aus Spass den Alarm ausgelöst. Wir bekamen Tee und für die nächste Stunde fanden unter den Pyjamaträgern an der Rezeption und an der Bar angeregte Diskussionen über das Feuer und den Alarm statt‎.

Jetzt kam aus dem Radio in meinem Zimmer die nächste Ansage, dass die Evakuationsanweisung bald erfolgt und ich sollte mich parat machen. Aus dem 3. Stock dieses alten Hotels hätte ich mich im absoluten Notfall an der Wasserzinnen zu sicherem Boden abseilen können. Aber wie um Gottes Willen rettet man sich aus dem 28. Stock? Ich stand auf, schaute auf den Korridor, da war nichts und niemand, ich studierte den Fluchtplan und wieder kamen mir die zwei Fensterputzer in den Sinn.

Das Ganze war nicht logisch! Warum wird ein oberer Stock alarmiert, wenn es darunter Wasserschaden gibt? Warum überhaupt solche sehr verunsichernden Ansagen mitten in der Nacht? Adrenalin breitete sich in meinem ganzen Körper aus und ich war absolut wach. Aber es kam keine weitere Information. Ich checkte noch mal den Korridor, dann legte ich mich ins Bett und schlief wieder.

Glaubt mir, es ist aber kein angenehmes Gefühl in den luftigen Höhen eines New York ‎Hotels darüber nachzudenken wie man sicher am Boden ankommen könnte.

Bildquelle: Sylvia Krahl  / pixelio.de

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s